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NOIR Ausgabe 2

„Gestern bist du eine Stunde und fünf Minuten zu früh gegangen“, sagt der Chef zur Praktikantin. Sie verschweigt, dass er sich um eine Stunde verrechnet; sie zuvor Überstunde um Überstunde gesammelt hat. Der beiläufige, verbale Hieb in die Magengrube sitzt auch so. Und tut ordentlich weh. Runterschlucken, rausgehen, weinen. Ohnmächtig. Hilflos.
Nachts wälzt sie sich grübelnd durchs Bett. Kommt nach Stunden unruhigen Wachens zu dem Schluss, noch mehr zu tun, noch härter und noch länger zu arbeiten als alle anderen. Schließlich geht es um einen Ausbildungsplatz, um die Zukunft. Versagen oder gar aufgeben ist keine Option. Dazu ist sie zu ehrgeizig.
Von jetzt an fühlt sich die junge Frau beobachtet: vom Chef, sogar von den Kollegen. Jederzeit. Obwohl sie doch eigentlich befreundet sind. Zumindest glaubte sie das. Sie achtet nun auf jedes Wort, legt es auf die Goldwaage, hört auf, Fragen zu stellen. Am liebsten wäre sie unsichtbar. Abends schleicht sie sich aus dem Büro. Flüchtigkeitsfehler nehmen zu, ihre Konzentration lässt nach. Eine Blockade — jetzt geht gar nichts mehr.
Wochen später ist die einst engagierte, motivierte junge Frau ausgebrannt. Zweifelt an ihrem Leben. Ihrem Wert. Und erkennt: So kann es nicht weiter gehen. Die Praktikantin nimmt all ihren Mut zusammen und redet mit ihrem Chef. Doch das Arbeitsverhältnis ist nicht mehr zu kitten. Am Abend liegt die Kündigung auf seinem Tisch. Denn sie ist es sich Wert.

Wir wünschen euch viel Spaß beim Lesen!

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Aktuelle Print-Ausgabe (NOIR 19)

Nachbarn kann man sich zwar nicht aussuchen, aber man kann ihnen begegnen. Und das tun wir von den unterschiedlichsten Seiten: Wie leben Nachbarn in Andalusien, im Nahen Osten, im Klassenzimmer? Außerdem geht es in der NOIR um Hamster-Missverständnisse, Streber-Opas und plötzlichen Postboten. Ihr lest von den Kriegsnarben in Bosnien-Herzegowina und zwei Studentinnen, die spontan im Westjordanland einen Dokumentarfilm gedreht haben. Besser nicht verpassen.
Viel Spaß beim Lesen! »

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