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NOIR Ausgabe 18

Meine Oma hatte keine Reißzähne. Doch manchmal erinnerte sie mich an den bösen Wolf.
Ich stand in der Küche, verschmiert mit Nutella vom Kinn bis zu den Ohren, und blickte sie mit blauen Enkelsaugen an. Meine Oma wischte die Hände an ihrer blumigen Schürze ab, hob mich in ihre Arme und drückte mich fest. Ganz fest, als würde die Welt in ihrer kleinen Küche für diesen Moment still stehen. „Ich hab dich so lieb, ich könnt‘ dich fressen!“, sagte sie und wuschelte mir durch die Locken. Schnell wickelte ich mich in ihre Schürze. Ich wollte nicht gefressen werden, weder aus Hunger noch aus Liebe. Dabei wusste ich, dass meine Oma nur auf Rindfleisch und Schweinesteaks stand und außerdem die beste Oma der Welt war. Aber was, wenn meine Oma wie der böse Wolf im Märchen …? Ein wenig fürchtete ich mich vor dem Gedanken. Die Liebe lässt meine Oma seltsame Dinge sagen. Aber so sind verliebte Menschen: Sie sprechen wie im Märchen und fühlen sich wie Prinzen und Prinzessinnen.
Mit der Fertigstellung dieses Heftes fühlen wir uns wie im Märchen. Die NOIR steckt voller Liebe zu Buchstaben, Sätzen und Fotos. „Ich hab dich so lieb, ich könnt‘ dich fressen!“ Den Satz habe ich nie vergessen. Manchmal, wenn ich mich aus der Schürze meiner Oma ausgewickelt hatte und zum Fenster ging, sah ich, wie eine Katze eine zernagte Maus auf den Fenstersims legte. „Die Katze hat die Maus zermalmt“, dachte ich mir, „einfach gefressen – mit ihren kleinen Reißzähnen.“ Das muss wahre Liebe sein.

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Aktuelle Print-Ausgabe (NOIR 19)

Nachbarn kann man sich zwar nicht aussuchen, aber man kann ihnen begegnen. Und das tun wir von den unterschiedlichsten Seiten: Wie leben Nachbarn in Andalusien, im Nahen Osten, im Klassenzimmer? Außerdem geht es in der NOIR um Hamster-Missverständnisse, Streber-Opas und plötzlichen Postboten. Ihr lest von den Kriegsnarben in Bosnien-Herzegowina und zwei Studentinnen, die spontan im Westjordanland einen Dokumentarfilm gedreht haben. Besser nicht verpassen.
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