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NOIR Ausgabe 1

Ich habe gelogen. Statistisch lügt jeder Mensch bis zu 50 Mal am Tag. Hochgerechnet ergibt das bei sechs Milliarden Menschen im schlimmsten Fall 300 Milliarden Lügen täglich, Sekunde für Sekunde rund 3,5 Millionen. Klar, sind solche Statistiken mit Vorsicht zu genießen. Denn wer ist schon psychologisch-sozialer Durchschnitt? Trotzdem: Wir flunkern was das Zeug hält. Aus Langeweile, um zu gefallen oder weil wir — wegen dem unfähigen Busfahrer, wem sonst — zu spät zur Vorlesung kommen.
Ich habe im vergangenen Juni alle belogen. Meine Freunde, meine Eltern. Wegen einem kleinen, hässlichen, billigen Fähnlein. Ein abgeschnittenes weißes Plastikrohr, daran ein lasches, durchscheinendes Stückchen Stoff, an das mit schiefer Naht eine Made-in-China-Waschanleitung genäht wurde. In der Ecke rechts unten prangte in großen orange-roten Lettern der Name einer populären Baumarktkette.
An deren Kasse packte mich die schwarz-rot-goldene Versuchung für 50 Cent. Auf der Heimfahrt lag das schlaffe Ding auf dem Beifahrersitz. Wie eine tickende Zeitbombe. Deutschlandfahnen waren für mich bis dato Inbegriff von Volkstrauertagen und Nationalismus. Unterm Strich also wenig attraktiv.
Daheim rutschte es mir dann so raus: „Die gab es zum Einkauf gratis dazu.“ Besagtes Fähnchen lugte anklagend aus der Plastiktüte. Schon hatte ich gelogen. Statistisch bestimmt nicht die einzige Lüge dieses Tages. Aber warum? Schämte ich mich der Flagge meines eigenen Landes?
Ich habe niemandem Böses getan, ebenso wenig meine Eltern und Großeltern. Trotzdem fühlte ich mich nach der Lüge erleichtert. Was mich jedoch am meisten überraschte, war die Reaktion meines Vaters, nachdem ich ihm das unselige Fähnchen kurzerhand vermacht hatte. Gedankenverloren starrte er es an: „Ich bin 57 Jahre alt. Doch das hier ist die erste deutsche Fahne, die ich in Händen halte.“ Zaghaft schwang er sie im Wohnzimmer. Schon wieder dieser seltsame, irgendwie melancholische Blick, den ich schon in den Gesichtern vieler beobachtet hatte. Gefährlich könnten diese Flaggen sein, die Autofähnchen, die Schals. Die Weltmeisterschaft 2006 gewöhnte uns an den Anblick. Zum Finale hin sah man sogar vormalige Kritiker mit schwarz-rot-goldenem Accessoir.
Fast ein Jahr ist mittlerweile vergangen. Das Fähnchen ist verschollen. Vielleicht liegt es auf dem Speicher, in einer dunklen Ecke im Keller, im Müll. Was bleibt? Das Gefühl, dass in Deutschland doch mehr steckt, als nur der Hang zu kollektivem Schuldbewusstsein und Minderwertigkeitskomplexen.
Doch macht das Deutschland für junge Menschen attraktiv? Oder sollte man so schnell es geht, das Weite suchen? Fliehen in ein Land, das mehr Chancen bietet, ein herzliches Willkommen, ein üppiges Gehalt. Oder dem aufkommenden deutschen Wir-Gefühl Raum geben, sich zu entfalten. Es weiter tragen, bevor es durch Regeln und Bürokratie erstickt wird. Oder durch unsere eigenen Ausflüchte. Ich habe mich für die Offensive entschieden. Heute würde ich nicht mehr lügen.

Wir wünschen euch viel Spaß beim Lesen!

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Aktuelle Print-Ausgabe (NOIR 19)

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