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Kachelmann-Prozess: Eine Analyse

von Julien Ferrat

Foto: Julien Ferrat

Ist der Meteorologe und Fernsehmoderator Jörg Kachelmann schuldig oder nicht? Diese Frage müssen zurzeit die Richter am Landgericht Mannheim mithilfe von Sachverständigen klären. Doch wer von den Beteiligten ist befangen und wer nicht? Zehn Prozesstage sind inzwischen vergangen. Zeit genug, um eine erste Zwischenbilanz zu ziehen.

Nach 132 Tagen Untersuchungshaft wird Jörg Kachelmann am 29. Juli 2010 aufgrund einer Entscheidung des Oberlandesgerichtes Karlsruhe aus der JVA Mannheim freigelassen. Nicht die Tatsache an sich, sondern vielmehr die Begründung der Richter in Karlsruhe sorgt für Aufsehen. Die Richter betonen nämlich, dass „kein dringender Tatverdacht“ mehr gegen den Beschuldigten Jörg Kachelmann vorliege. Nicht auszuschließen sei es laut der Begründung des Oberlandesgerichtes, dass das mutmaßliche Vergewaltigungsopfer Claudia D. den Schweizer Wetterexperten falsch belasten wolle. Die Justizbehörde begründet ihre Entscheidung damit, dass das mutmaßliche Opfer, das im Prozess ebenfalls als Nebenklägerin auftritt, bei der polizeilichen Vernehmung in einigen Fragen erwiesenermaßen gelogen habe. Hinsichtlich der Verletzungen stellt das Gericht fest, dass „neben einer Fremdbeibringung auch eine Selbstbeibringung nicht ausgeschlossen“ werden könne. Sowohl die Staatsanwaltschaft als auch das Landgericht haben eine mögliche Falschaussage des mutmaßlichen Opfers bisher jedoch stets außer Acht gelassen und die Schilderung Jörg Kachelmanns als „wenig plausibel“ erachtet. In einem Interview mit dem Kölner EXPRESS geht Kachelmanns Medienanwalt Ralf Höcker deshalb sogar so weit der Staatsanwaltschaft „blinden Jagdeifer, schlampige Ermittlungsarbeit und unseriöse Verfahrenstrickserein“ vorzuwerfen.

Zwei Richter werden der Befangenheit bezichtigt

Sechs Wochen später soll es zum ersten Verhandlungstag kommen. Der Prozessauftakt ist auf Montag, den 6. September, 9:00 Uhr angesetzt. Wie das Landgericht Mannheim in einer Pressemitteilung bekannt gibt, sind rund 80 Plätze für die Öffentlichkeit vorgesehen, Einlass ist um 7:30 Uhr. Schaulustige und „juristisch Interessierte“ warten bereits eine halbe Stunde vor Einlass in einer Schlange. Zu diesem Zeitpunkt ahnen sie noch nicht, dass ihr zweistündiges Ausharren bis zur Hauptverhandlung ihnen nur ein sehr kurzes Schauspiel bescheren wird. Während alle auf den Beginn der Verhandlung warten, reicht Kachelmanns Strafverteidiger Reinhard Birkenstock nämlich den 67-seitigen Befangenheitsantrag gegen den Vorsitzenden der 5. Großen Strafkammer, Michael Seidling, und seine Beisitzerin Daniela Bültmann ein. Der Befangenheitsantrag richtet sich vor allem gegen Richter Seidling, der im Nachbarort des mutmaßlichen Vergewaltigungsopfers wohnt und ihren Vater aus seiner Vereinstätigkeit kennen soll. Der Richter ist stellvertretender Vorsitzender des TSV Oftersheim, der Vater des mutmaßlichen Opfers ehemaliger Vorsitzender und Ehrenmitglied des TV Schwetzingen. Beide Sportvereine bilden gemeinsam die Handballgemeinschaft Oftersheim/Schwetzingen. In der Schwetzinger Zeitung hat Michael Seidling jedoch betont: „Ich kenne die Familie nicht.“ Im selben Artikel spricht der Richter allerdings nicht von einem mutmaßlichen Opfer, sondern schlicht von einem Opfer. Kachelmanns Verteidigung wertet dies als fehlende Unvoreingenommenheit. Seidling sitzt zudem für die Freien Wähler in seinem Heimatort Oftersheim im Gemeinderat. Oberbürgermeister René Pöltl aus dem Tatort Schwetzingen, der ebenfalls von den Freien Wählern unterstützt wird, hatte während der U-Haft Kachelmanns verkündet, dass er das mutmaßliche Opfer für „äußerst glaubwürdig“ halte. In den Medien wird folglich spekuliert, ob Kachelmanns Strafverteidiger Reinhard Birkenstock, der als ehemaliger SPD-Stadtrat mit politischen Abläufen auf Gemeindeebene vertraut ist, dem 60-jährigen Richter nun unterstelle ein öffentlichkeitswirksames Urteil erwirken zu wollen. In Folge des Befangenheitsantrags wird der Prozess nach rund zehn Minuten vertagt. Unmut und enttäuschte Gesichter machen sich im Publikum breit. Viele haben sich mehr erhofft. … weiterlesen

19 Oktober, 2010 Kein Kommentar

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