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Ohne Netz: Mein halbes Jahr offline

von Nicole Beer

Ein halbes Jahr ohne Internet? Keine E-Mails, kein Facebook, kein Google? Als ein Durchschnittsmensch einer Generation, die mit dem Internet aufgewachsen ist und spätestens ab der vierten Klasse eine eigene E-Mail-Adresse und etwa mit zwölf Jahren ihr erstes Handy hatte, kommt einem das unmöglich vor. Auch dem Autor dieses Buches, Alex Rühle – von Beruf Journalist bei der SZ – wurde ein frühzeitiger Abbruch seines Experiments garantiert. Er war ein Internetjunkie, klickte sich ständig von einer Internetseite zur nächsten, ständig unter Strom, ständig von Mails bombardiert. 70 bis 90 E-Mails am Tag, das war normal, aber kaum noch zu bewältigen. Eines Tages kam ihm die Idee des Abschaltens, was er mit der Unterstützung seines Arbeitgebers auch tat. Während dieser Zeit schrieb er ein Tagebuch, das er veröffentlicht hat. Die Einträge sind keine langweiligen Tagesabläufe oder Lobreden auf das Internet, wie manch einer vielleicht erwarten würde. Nein, Alex Rühle hat für sein Buch viel recherchiert und weiß so nicht nur über manche Studie zum Thema Internet oder speziell, Internet am Arbeitsplatz, zu berichten, sondern hat auch einige Zitate zur Erfindung der Postämter oder des Zuges geschickt eingebaut. Diese wurden damals teilweise wenig begeistert wahrgenommen und als eine große Gefahr für die Menschheit gesehen.

Die durch das Experiment entstandene Brieffreundschaft zwischen Alex Rühle und Thomas Mohol, einem Häftling, der seinen Blackberry ebenfalls schrecklich und fast schon schmerzhaft vermisst, gibt neuen Input: Sind wir wirklich so internetabhängig? Das muss zwar jeder für sich selbst beantworten, aber dass sich kaum noch jemand ein Leben ohne Internet vorstellen kann, liegt auf der Hand. Der Soziologe Hartmut Rosa, der die Gefahren der Veränderung der Zeitstrukturen, also der zunehmenden Beschleunigung der Moderne, in einer Studie untersucht hat, wird vom Autor häufig zitiert und verhilft zu einem klaren Blick auf die Thematik. Sehr ehrlich ist, dass Alex Rühle auch seine Rückschläge zugibt und klarstellt, dass sich nach dem Experiment nicht alles komplett geändert hat. Er versucht nun, seinen Internetkonsum etwas zu reduzieren und hat erkannt: Ohne Internet kann man heutzutage zwar leben, mit ihm ist das Leben aber einfacher.

Alles in allem ein sehr interessantes Buch, das gerade auch junge Menschen zum Nachdenken anregen kann.

(Rühle, Alex: Ohne Netz: Mein halbes Jahr offline. Klett-Cotta, Juli 2010)

22 August, 2010 Kommentare deaktiviert für Ohne Netz: Mein halbes Jahr offline

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