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Kurzgeschichte: Wer bist du?

von Melanie Michalski

Foto: "Philipp Linstädter" / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nd)

Meine Augen kleben an ihm. Lassen ihn nicht los. Ich verfolge, wie er sich seinen Weg bahnt. Geschickt macht er das, weicht hier aus, macht dort einen Bogen. Setzt sicher einen Fuß vor den anderen, behutsam und anmutig zugleich.

Seine Augen wirken ernst. Er spürt meinen Blick, aber er fängt ihn nicht auf. Schaut weg. Er hat Übung darin. Selbst wenn er in meine Richtung schauen würde, würde sein Blick mich nicht treffen. Er würde wie ein Pfeil durch mich hindurch schießen, als wäre da niemand. Als würde es mich nicht geben.

Wann hat er das letzte Mal mit mir gesprochen? Mich das letzte Mal richtig angesehen? Es muss Ewigkeiten her sein, als wir noch miteinander lachen konnten. Als uns die Worte noch nicht ausgingen. Als noch jemand meine Gedanken kannte und mich auf den richtigen Weg führte.

Konzentriert geht er weiter. Aber irgendetwas ist anders; er kommt schneller von einem Ort zum anderen, wirkt ernster und nachdenklicher. Sein Weg wird ihn unweigerlich an mir vorbeiführen. Es gibt keinen anderen Ausgang. Er weiß das. Ich rühre mich nicht von der Stelle. Nicht jetzt. Jetzt noch nicht.

Was habe ich bloß getan? Es scheint, als würde er eine unsichtbare Last auf seinem Rücken tragen. Die kann ich ihm nicht abnehmen. Ich kann sie ihm nicht einmal leichter machen. Ich kann mir ja nicht einmal selbst die Last abnehmen. Alles kann ich nur noch schlimmer machen.

Seine Schritte werden für einen Moment langsamer. War da eine Unsicherheit in seinem Gesicht? Er nähert sich mir, den Blick gesenkt, wirkt angespannt, in Gedanken versunken. Aber ich weiß, dass das nicht stimmt.

Noch fünf Meter, mein Herz schlägt schneller. Vier Meter. Drei. Rasend schnell. Zwei Meter, ich wage kaum zu atmen. Meine Augen versuchen, ihn zum Stehen zu bringen. Noch einen Meter. Ich weiß, dass er nicht stehen bleiben wird. Ich schließe meine Augen. Und reiße sie im nächsten Moment wieder auf. Etwas Warmes streift mich an der Seite. Sein Arm. Dann ist er weg. Verschwunden. Die Gedanken in meinem Kopf überschlagen sich: Wer bist du und was habe ich dir bloß getan?

18 Juli, 2010 2 Kommentare

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