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Die Stadt der verschwundenen Kinder

von Frank Greger

Eine Eiszeit formt die Erde zu einem trostlosen, kargen Ödland. Doch ein paar Menschen trotzen an einem Ort den widrigen Umständen.

Im Buch heißt dieser Ort Enklave, sozusagen eine Oase in der Wüste der Zukunft. Dort gibt es Nahrung, Wasser und Elektrizität im Überfluss für jene, die durch ihre Geburt zu den Privilegierten gehören. Alle anderen müssen vor den Toren der Enklave in dem Armutsviertel Wharfton leben. So auch die sechzehnjährige Gaia, die Protagonistin des Romans. Die Bewohner Wharftons werden von der Enklave mit dem Nötigsten versorgt, müssen aber im Gegenzug dafür jeden Monat die ersten drei Neugeborenen jeden Bezirks an die Bewohner der Enklave übergeben. Warum, das weiß außerhalb der Mauer niemand.

Gaia und ihre Mutter sind Hebammen und von Berufs wegen verpflichtet, die drei Neugeborenen den Privilegierten zu überreichen. Dieses Gesetz der Enklave befolgen sie jahrelang gewissenhaft bis Gaias Eltern – und damit beginnt die Geschichte des Romans – eines Tages verhaftet werden. Gaia ist besorgt, erfährt aber erst Wochen später von Derek, einem Bäcker, dem sie zufällig begegnet, dass ihre Eltern hingerichtet werden sollen. Mit Dereks Hilfe gelingt es ihr in die Enklave einzudringen, wo sie ihre Eltern suchen und befreien will. Dabei erkennt sie nach und nach immer mehr die Ungerechtigkeit und Grausamkeit des Systems. Auch erfährt sie, warum die Enklave Kinder von außerhalb benötigt.

Wenn auch das Zukunftsszenario nicht gerade durch seine Originalität überzeugt, so sah der Plot vielversprechend aus. Die Zutaten für eine unterhaltsame Geschichte sind vorhanden: eine ungerechte Gesellschaft, eine junge Rebellin, die Enklave, die als geheimnisvoller, verbotener Ort geschildert wird und natürlich auch eine Liebesgeschichte. Was die Autorin Caragh O’Brien allerdings daraus macht ist bestenfalls zweitklassig.

Gaia ist keine Rebellin sondern bis zum Schluss ein naiver Dickkopf, ungefähr so reif wie ein zehnjähriges Kind und nicht wie eine junge Erwachsene. Dass sie nicht schon am ersten Tag innerhalb der Mauern gefasst wird verdankt sie einer scheinbar unerschöpflichen Portion Glück sowie dem Umstand, dass sie andauernd von wildfremden Leuten Auskunft und Hilfe erhält. Wo O’Brien schon bei ihrer Protagonistin scheitert, scheitert sie ebenso bei den anderen Charakteren. Allesamt haben sie kein Profil, erscheinen austauschbar und handeln häufig unlogisch. Ebenso wenig  schafft es O’Brien die Gegenspieler Gaias oder die Enklave an sich als niederträchtig oder verachtungswürdig darzustellen. Auf der ganzen Linie fehlt der Geschichte Tiefgang, Logik und auch sprachlich erlebt der Leser hier keine Höhenflüge. Daher ist auch schwer zu verstehen, warum der Roman in den Vereinigten Staaten und Großbritannien für viel Aufsehen gesorgt haben soll.

Wer auf der Suche nach einer guten Endzeitgeschichte oder Dystopie ist, der sollte auf ein anderes Buch zurückzugreifen, beispielsweise das ebenfalls im Heyne-Verlag erschienene „Metro 2033“ oder einen der Klassiker, etwa „1984“ von George Orwell.

(O’Brien, Caragh. Die Stadt der verschwundenen Kinder. Heyne Verlag. Januar 2011)

23 Januar, 2011 Kein Kommentar

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