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„Ich will eine Rock’n’Roll-Band gründen.“

von Sanja Döttling

Ein Film über die Welt von John Lennon und Paul McCartney vor den Beatles.

„Ich will eine Rock’n’Roll-Band gründen.“, erklärt der selbstsichere, 17-jährige John auf dem Jungsklo seiner Schule und bestimmt wahllos Mitglieder, die teilweise nicht einmal ein Instrument beherrschen. Das ist der Anfang einer großen Karriere.

Der Film erzählt nur, was geschieht, bevor John Lennon mit den Beatles berühmt wird. Schon die ersten Minuten fesseln, weil sie zeigen, wie nah Trauer und Witz beieinanderliegen. Denn nach einem kurzen, leichten Einstieg folgt gleich der erste Schock: Der Tod von Johns Onkel, zu dem er stets eine gute Beziehung hatte.

Doch kaum ist das eine Familienmitglied unter der Erde, tritt ein bis dahin unbekanntes in sein Leben: Johns Mutter, die die ganze Zeit in unmittelbarer Nachbarschaft lebte. Dennoch wuchs John bei Tante und Onkel auf. Das baut Spannung auf, da sich der Zuschauer fragt, warum John nicht bei seiner Mutter aufwächst.

Sie selbst wirft allerdings auch Fragen auf, da sie komisch wirkt, ohne dass ihre Verrücktheit an einer eindeutigen psychologischen Diagnose festzumachen ist. Denn solche Diagnosen gab es zur Handlungszeit des Films noch nicht. So weiß der Zuschauer nie, was genau mit ihr los ist und kann sich kaum einen Reim darauf machen.

Durch den Kontrast zwischen der Rock’n’Roll begeisterten, seltsamen Mutter und der konservativen, ordentlichen Tante ist die gesellschaftliche Spannung der Zeit greifbar.

Das Verhalten Johns ist teilweise genauso unerklärlich wie das seiner Mutter und oft begründet der Film es auch nicht. Hat sich Johns Beziehung zur Mutter gerade normalisiert, so schreit und wütet er im nächsten Moment und will sie nie wieder sehen. Er ist einfach ein Junge, der gerne cool sein möchte. Die Figur bietet jungen Leuten große Projektionsfläche und dem Zuschauer wird eine Legende nahegebracht, da John Lennon in dem Moment des Films nichts anderes, als ein normaler Jugendlicher ist.

Thomas Sangster überzeugt dafür umso mehr als junger Paul McCartney. „Willst du ein Bier?“, fragt John ihn bei ihrem ersten Treffen. „Ich hätte gerne einen Tee“, erwidert Paul. Ein historisches Treffen, erste Worte, die schon viel über die Charaktere verraten.

Kleine Details machen das Leben in den späten 50ern in einem Liverpooler Vorort authentisch. Da wird pausenlos geraucht, Ehebruch ist noch ein Verbrechen und anstatt iPods gibt es nur Schallplatten.

Die Kameraführung des Films erzeugt das intensive Gefühl, mit den Charakteren auf einer Augenhöhe zu sein und mit ihnen auf der Bühne zu stehen. Der Film ist dramaturgisch spannend erzählt und wirkt authentisch; eine eineinhalb Stunden Zeitreise.

Wer keine Lust hat, die 1021 Seiten lange John-Lennon-Biografie zu lesen, dafür aber englischen, schwarzen Humor oder die Beatles liebt, der sollte ganz schnell ins Kino.

(Der Film läuft in Suttgart im Atilier am Bollwerk. Seit Donnertag, den 9. Dezember)

20 Dezember, 2010 Kommentare deaktiviert für „Ich will eine Rock’n’Roll-Band gründen.“

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