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Medien im Lande Berlusconis

von Alessa Wochner

Silvio Berlusconi - Foto: "Alessio" / www.flickr.com, CC-Lizenz(by)

Journalismus unter einem Medienmogul, der zugleich Ministerpräsident ist: Zwei Journalisten über die Medienlandschaft Italiens.

Ihre Faszination für Italien führte die gebürtige Schweizerin Meret Baumann im Studium nach Rom. Sie absolvierte dort später ein Praktikum bei der Schweizerischen Botschaft und arbeitet seit 2007 in der Nachrichtenredaktion der „Neuen Züricher Zeitung“.

Alessandro Alviani wurde 1981 in der Nähe von Rom geboren. Während eines Erasmus-Aufenthalts in Brüssel reifte sein Entschluss, Italien den Rücken zu kehren und nach Berlin zu ziehen. „Viele gute Leute verlassen momentan Italien“, erzählt Alviani.

Seit 2006 berichtet er regelmäßig für italienische Zeitungen wie „La Stampa“ über deutsche Politik, Wirtschaft und Kultur.

Die Medienlandschaft in Italien unterscheide sich sehr von der deutschen. Die schweizerische Journalistin Meret Baumann pflichtet ihm bei: „Für die Italiener ist die wichtigste Informationsquelle das Fernsehen.“ Bedenklich sei dabei, dass viele Fernsehsender Berlusconi gehören und er das Volk geschickt zu beeinflussen wisse.

„Die Pressefreiheit ist in Italien nicht eingeschränkt“, so Alviani, es gebe aber „Einflussnahmen, die bedenklich sind.“

Trotz vieler regierungskritischer Blätter ändere sich nichts an der Situation der Medien in Italien.

Doch das eigentliche Problem sehen die beiden Journalisten nicht bei Berlusconis Medienimperium, sondern beim italienischen Sensationsjournalismus, der sich großer Beliebtheit erfreue.

Berlusconi hat das italienische Volk in zwei Lager gespalten. „Entweder man ist für oder gegen Berlusconi. In Deutschland wäre es undenkbar, dass man zum Beispiel Merkel wie Berlusconi verehrt“, sagt Meret Baumann.

Wie die Politik Italiens ohne den Selbstdarsteller Berlusconi aussehen würde, kann Alviani auch nicht beantworten.

In letzter Zeit geriet der 74-jährige Staatsmann mit wilden Partys und minderjährigen Geliebten in negative Schlagzeilen. „In der Schweiz und in Deutschland würden Partys wie Berlusconi sie feiert, einem Politiker das Genick brechen“, dessen ist Baumann sich sicher. Auch hier seien die Partys nicht das Problem, sondern die politischen Auswirkungen: Wer Berlusconi gefällt, habe gute Chancen auf einen Posten in seiner Regierung.

Alessandro Alviani erklärt die Wiederwahlen Berlusconis damit, dass es bislang keine Oppositionspartei einen konkurrenzfähigen Gegenkandidaten aufbauen habe könne und er viele Eigenschaften der Italiener vereine. „Berlusconi ist ein Macho im Alter von 74 Jahren. Das ist doch super, sagen die Italiener. Außerdem bewundern sie ihn dafür, dass er so reich geworden ist.“

Für seine Berichterstattung über die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche erhielt Alviani 2010 zusammen mit seinem Kollegen Giacomo Galeazzi den „Igor Man“ Preis.

Aus dem sehr katholischen Italien bekam er Gegenwind. „Das sind natürlich Dinge, die man mit sehr viel Sorgfalt recherchieren muss. Wenn man das tut, muss man Kritik ausstehen können und darf nicht zulassen, dass zum Beispiel die katholische Kirche Einfluss auf die Berichterstattung nimmt.“ Bleibt zu hoffen, dass kritische Journalisten in Italien diese Haltung beibehalten werden.

11 Dezember, 2010 Kein Kommentar

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