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Verwegener Held, märchenhafte Welt

von Sanja Döttling

Cornelia Funkes neues Buch Reckless spielt in einer märchenhaften Welt hinter einem Spiegel.

Eines Tages entdeckt Jakob Reckless das Geheimnis des Spiegels im Arbeitszimmer seines Vaters. Er ist der Zugang zu einer anderen Welt. Einer Welt, in der Märchen wahr sind. Diese Welt schlägt Jakob in seinen Bann, wie einst auch seinen Vater, der schon lange in ihr verschwunden ist.

Irgendwann kommt Will, Jakobs kleiner Bruder ebenfalls hinter das Geheimnis und folgt Jakob, als er hinter den Spiegel in die Mächenwelt geht. Er wird von den Goyls, Steinwesen, die mit den Menschen im Krieg liegen, schwer verwundet und verwandelt sich nun selbst in ein Wesen aus Stein, das mehr und mehr vergisst, dass es einst selbst ein Mensch war. Zusammen mit Wills Freundin Clara und Fuchs, einer Gestaltenwandlerin, versucht Jakob alles, um die Verwandlung seines Bruders rückgängig zu machen.

Funke erzählt wie immer bildgewaltig und die Geschichte ist so mitreißend, dass ihre teils spartanische Sprache, die sich manchmal ein wenig abgehackt liest, nicht so sehr stört.

Dahingegen stört die Darstellung des Jakobs. Er ist ein bisschen zu viel Held: Als erfahrener Schatzsucher – sozusagen Märchen-Indiana-Jones – ist er mit allen Wassern gewaschen und würde sein Leben für das seines Bruders geben. Aber natürlich nie jemanden töten. Seine dunkle Seite wird zwar angedeutet, aber es reicht nicht aus, damit die Figur plastisch wirkt.

Alle anderen Charaktere sind dagegen wunderbar dargestellt, so dass auch die „Bösewichter“ dem Leser ans Herz wachsen.

Es gibt viel Hin- und Hergereite, Gelaufe und Gefliege, aber das gehört zu einem Fantasybuch nun mal dazu. Funke entführt ihre Leser an die wunderlichsten Orte, in das Tal der Feen, in das Schloss Dornröschens, die Höhlenstädte der Goyls.

Die Welt der Märchen ist bei weitem nicht mehr so einladend, wie sie einmal war. Der Krieg der Menschen mit den Goyls hat seine Spuren hinterlassen. Drachen wurden ausgerottet, die Industrialisierung ergreift Besitz über die Welt und Dornröschens Prinz hat sie nie wachgeküsst. Die Welt ist ein Spiegel unserer Eigenen.

Jeder Landstrich ist schön und lebensgefährlich gruselig zugleich, der Leser würde gerne mehr erfahren über Bewohner und Land, aber die Geschichte kennt keinen Moment des Aufatmens: Man hetzt mit Jakob, Clara, Fuchs und Will von Ort zu Ort, von Seite zu Seite.

Das Buch lässt offen, ob es eine Kindergeschichte ist oder für Erwachsene geschrieben wurde. Auch Märchen, die gerne Kindern vorgelesen werden, sind teilweise grausam. Und Reckless verbindet Verrat, Verdorbenheit gekonnt mit Heldenmut und Solidarität.

Wer Reckless aufschlägt, sollte viel Zeit mitbringen. Denn bevor der Leser das Buch nicht durchgelesen hat, schlägt er es auch nicht mehr zu. Nur eine einzige Sache mach das Buch falsch: Es hat ein Ende.

(Funke, Cornelia: Reckless: Steinernes Fleisch. Dressler Verlag, September 2010)

10 November, 2010 Kein Kommentar

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