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Paulo Coelho – Ein faszinierender Mann

von Sanja Döttling

„Der Magier“ ist die Biografie des Schriftstellers Paulo Coelho, geschrieben von seinem Landsmann, dem Brasilianer Fernando Morais. Mit großer Detailgenauigkeit und gut recherchiert erzählt er Coelhos Leben von der Geburt bis zu seinem 60. Geburtstag, an dem das Buch erschien. Als Hauptquelle dienten ihm Paulos Tagebücher – die er eigentlich nach seinem Tod verbrennen lassen wollte, aber zum Zwecke der Biografie zur Verfügung stellte – zusätzlich führte er Interviews mit Bekannten und Freunden des Schriftstellers, außerdem zitiert er unzählige Artikel und private Briefe.

Das Buch eröffnet bisher unentdeckte Seiten des Schriftstellers. Dieser Beruf war für ihn sehr lange nur ein Traum. In jungen Jahren feierte er Erfolge als Dramaturg und Laienschauspieler, später Songwriter und Musikproduzent. Er lebte einige Zeit als Hippie, konsumierte Kokain und Marihuana, wandte sich der „dunklen Magie“ zu; trat dem Orden O.T.O.bei, der von Alister Crawley gegründet wurde. Es handelt sich dabei um eine magische Sekte, die dem Statanismus nahesteht. Heute ist er Mitglied des Magierordens R.A.M., sein Meister ist der geheimnisvolle Jean, dessen Identität die Öffentlichkeit bis heute nicht kennt. Trotzdem, oder gerade deswegen, ist er gläubiger Christ. Im Rahmen seiner Mitgliedschaft im Orden erfüllt er obskure spirituelle Aufgaben – so muss er beispielsweise barfuß durch dichtes Unterholz laufen, oder einmal am Tag mit den Händen unter fließendem Wasser beten. Sein ganzes Leben reiste er viel. Er war in den USA, in Frankreich, fuhr mit der Transsibirischen Eisenbahn und lebte einige Zeit in London. Diese Reisen inspirierten oft seine Bücher.

Morais schreibt genau und verfranzt sich manchmal in Nebensächlichkeiten. Da das Buch Großteils chronologisch geordnet ist, fallen die wenigen Passagen, in denen er die Reihenfolge bricht, umso mehr ins Auge. Morais weiß auch Schicksale von entfernten Bekannten zu berichten, erlaubt sich aber hin und wieder, sehr viel zu interpretieren. Die politische Situation in Brasilien wird am Rande thematisiert, was zum Verständnis beiträgt.

Das Buch zeigt den starken Kontrast zwischen der großen Beliebtheit Paulo Coelhos, der er sich bei den Lesern freut, und der – gerade in seiner Anfangszeit – vernichtenden Kritik der Presse auf.

Der Leser sieht Paulo Coelho nach der Lektüre seiner Biografie nun mit anderen Augen: War er vorher nur ein Name auf Buchcovern von wunderschönen, einfachen und tiefsinnigen Büchern, ein Phänomen fast gottesgleich, so macht das Buch ihn menschlich, zeigt seine Ecken und Kanten. Coelho leidet unter einigen Manien, er würde beispielsweise nie über eine Taubenfeder hinwegsteigen und ist Anhänger des I Ging-Orakels. Seine nicht ganz so lobenswerten Charakterzüge wie Depressionen und Arroganz werden ersichtlich. So heuerte er für sein erstes Buch „Das Handbuch des Vampirismus“ einen Ghostwriter an, ohne ihn zu bezahlen. Der Leser hat nach dem Buch ein klareres Bild von Paulo Coelho.

Vor allem aber gibt das Buch Einblick in das Leben einer faszinierenden Persönlichkeit, was dem Leser die Bücher von Paulo Coelho aus einer neuen Perspektive lesen lässt.

(Morais, Fernando: Der Magier: Die Biographie des Paulo Coelho. Diogenes, August 2010)

1 November, 2010 Kommentare deaktiviert für Paulo Coelho – Ein faszinierender Mann

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