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Das Nasenpopel-Gen des Thilo Sarrazin

von Andreas Spengler

Thilo Sarrazin - Foto: "Richard Hebstreit" / www.flickr.com, CC-Lizenz(by)

Die Haare des Thilo Sarrazin haben die Farbe eines Elefanten; staubiges Elefantengrau. Früher war der ganze Sarrazin-Mensch wie ein Elefant: dickköpfig, mächtig, aber eigentlich friedlich. Doch dann nahm der Schrecken seinen Lauf: eine verbale Diarrhö. Eine Glosse von Andreas Spengler

Vielleicht hat Sarrazin früher mal Nasenpopel gelutscht, im Büro einen Furz entfleuchen lassen oder gar sein Auto auf dem Frauenparkplatz abgestellt. Womöglich war das sogar genetisch bedingt, genau weiß das keiner. Aber davon abgesehen tat er niemandem etwas zu Leide. Die Zahlenwelt war seine Steppe und genauso trocken: neun Jahre als Berliner Finanzsenator und als Vorstand der Bundesbank. Doch irgendwann – keiner weiß, woher der Durchfall kam, vorstellbar wäre eine Döner-Magenvergiftung – irgendwann jedenfalls, da begann Sarrazin zu kacken. Und wenn Elefanten kacken, dann kacken sie richtig. Sarrazin ließ alles raus: braun, gequirlt und dampfend. Und weil das schon von Weitem roch, kamen die Medien angeflogen wie die Mücken zum Kuhstall. Ein Bundesbankvorstand, der braune Worte zwischen zwei Buchdeckel presst; welch ein gefundenes Fressen!

„Warum drucken Sie als pure Provokation den Beitrag einer Oberkrawallschachtel?“, fragte die taz die Kollegen vom Spiegel, der vorab Auszüge des Buches veröffentlichte (27.8.2010). Der Spiegel antwortete an anderer Stelle: „Sie können sicher sein, dass wir auf den Fall ausführlich eingehen werden.“ Oh ja, das konnten wir! Und jeder, der auch nur den Hauch von Verständnis davon hat, wie Medien funktionieren, der konnte das auch. Der Sarrazin-Elefant sprang durch die Porzellanläden der Bundesrepublik, auf seinem Rücken Kai Diekmann mit der Peitsche, an seiner Seite rieb sich der Spiegel, und die taz und die Zeit versuchten ihm gegen die Elefantenstampfer zu treten. Das SZ-Magazin bezeichnete sein Buch in einer Kolumne als „bildungsfern, fortpflanzungsfreudig und viel zu dick“ (3.9.2010). Außerdem könne es die Perspektive des Sarrazins leicht mit der Verengung eines Burka-Schlitzes aufnehmen (Unklar bleibt nur, ob damit Sarrazins rechtes Auge oder sein rechter Wirrkopf gemeint war). In Facebook hauten sie ihm Morddrohungen um die Ohren, die taz bezeichnete ihn in einer Kolumne als „rassistisches Arschloch“ (3.9.2010). Sarrazin bekam die volle Ladung ab, stotterte von einer Talkshow zur nächsten; zerstörte hier Porzellan und da Porzellan, und am Ende konnte er einem fast leidtun.

Ja, er hätte einem Leid tun können, wäre da nicht dieses Buch, dieses „Deutschland schafft sich ab“. Seit Wochen auf Platz eins der Bestsellerliste: die Bibel der öffentlichen Aufregung. Und wer den Umschlag aufklappt, der versteht warum: „Mehr Kinder von den Klugen, bevor es zu spät ist!“, fordert Sarrazin – eine seiner Kernthesen. Denn die Dummen produzieren Kinder wie die Karnickel und das Allerschlimmste: Diese Kinder sind genauso dumm wie ihre Eltern. Denn Dummheit ist erblich. Und damit die Klugen endlich wieder Lust aufs Kindermachen bekommen, sollte „bei abgeschlossenem Studium für jedes Kind, das vor Vollendung des 30. Lebensjahres der Mutter geboren wird, eine staatliche Prämie von 50 000 Euro ausgesetzt werden.“ (Seite 389)

12 Oktober, 2010 1 Kommentar

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  1. […] Veröffentlicht wurde das gute Stück bei Noir Online – unbedingt lesen! […]

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