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Jenseits von Gut und Böse

von Emilia von Senger

Viele Hauptstraßen in Hebron sind durch Absperrungen getrennt; Palästinenser dürfen nur auf einer Seite laufen. - Foto: Emila von Senger

Die Realität der israelischen Besetzung des Westjordanlandes zwingt Soldaten gegen ihre moralischen Grundsätze zu handeln. Die Soldatenorganisation „Breaking the silence“ trägt das Dilemma der jungen Männer und Frauen in die Gesellschaft.

Willkürlich ein Haus wählen, die Tür aufbrechen, eine Großfamilie wecken, brüllen, Möbel umschmeißen. Eine Routinenacht für israelische Soldaten in Hebron, der zweitgrößten Stadt im Westjordanland. Die palästinensischen Familien wehren sich kaum; für sie sind die Untersuchungen und die nächtlichen Schüsse auf Straßenlaternen zur Normalität geworden. „Die Soldaten sollen den Palästinensern das Gefühl geben, dass wir zu jeder Zeit überall sind“, sagt der Israeli Ayal Kantz. Als Wehrpflichtleistender war er mit seiner Einheit in Hebron stationiert, heute arbeitet er für die israelische Organisation „Breaking the silence“ und führt Gruppen durch die Geisterstadt. „Die meisten Hauptstraßen in Hebron sind für Palästinenser gesperrt“, erklärt Ayal und zeigt auf eine verrammelte Ladenzeile: „Das waren alles palästinensische Geschäfte.“ Hebron war früher das wichtigste Handelszentrum im Westjordanland, doch ist in der Innenstadt von dieser Vergangenheit nichts mehr zu spüren. Die Straßen sind leer, Wege werden durch Stacheldraht und Barrieren versperrt. „Auf dieser Straße dürfen die Palästinenser nur auf der einen Straßenseite laufen“, sagt Ayal und grüßt zwei verschleierte Frauen auf der anderen Straßenhälfte. Um die Sicherheit der 800 israelischen Siedler im Zentrum von Hebron zu schützen, verfolgt die Armee das Prinzip der Trennung: Je weniger Berührungspunkte zwischen den Siedlern und den 180.000 Palästinensern bestehen, desto geringer ist das Konfliktpotential auf den Straßen von Hebron.

8 Oktober, 2010 Kein Kommentar

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