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Fanta-Party in 3D

von Meike Krauß

Symbolfoto: Thomas D. von den Fantastischen Vier auf dem Open Flair Festival - Foto: "Matthias Rogat" / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc)

Smudo sieht mir direkt in die Augen und rappt seine Textzeilen nur eine Armlänge weit entfernt in sein Mikrofon. Der nackte Oberkörper von Thomas D. vibriert im Beat so nahe, wie man sonst nicht kommt, und And.Y hält mir eine Rose ins Gesicht.

Nur schade, dass ich eine schwere rote Brille tragen und Popcorn mampfend im Kinosessel sitze muss um das erleben zu können. Nehme ich die Brille ab verschwimmt das Bild vor mir.

Ich bin dabei, als die Fantastischen 4 die „erste Europatournee an einem Abend“ (Thomas D.) spielen. Als Pilotprojekt wird ihr Konzert in 3D Kinos live übertragen. Zu sehen ist das in fünf Ländern Europas. Insgesamt können so etwa 30.000 Fans das Konzert miterleben. Zumindest können sie es sehen, denn um es zu  erleben war das Kino nicht geeignet. Schon nach dem zweiten Song gab es „lauter“ Forderungen aus dem Publikum in Stuttgart. Wo ist der Bass zu dem Thomas D. bei seinem Solostück „Krieger“ abgeht? Die Bühne ist in grünes Licht getaucht, das Mikro wird rot angestrahlt und die ernsthaften Textzeilen tönen aus dem Lautsprecher. Warum habe ich keine Hände im Gesicht als Smudo dazu auffordert seinen Namen zu schreien und wie im Gospelchor zu winken, um das Lied „Smudo in Zukunft“ anzukündigen. Wie schaffe ich es „YeahYeahYeah“ zu überstehen ohne einen einzigen Schweißtropfen auf der Stirn zu haben? Die Antwort ist: Ich bin  nicht dabei. Die Stimmung aus der Konzerthalle schafft den Sprung in das Kino nicht, auch wenn die vier immer wieder in die Kamera zwinkern, singen und grinsen.

Das Konzert wird eröffnet mit „Gladiatoren“ vom neuen Album „Für dich immer noch FantaSie“. Weiter geht es mit dem Radio Dauerbrenner „Gebt uns ruhig die Schuld“. Als der Song „Ichichichich“ beginnt holt And.Y seine E-Gitarre hervor. Ungewöhnlich für ein Hip Hop Konzert sind neben Fanta 4 noch fünf andere Musiker auf der Bühne. Sie unterstützen die Hip Hop Beats mit Keyboard, Schlagzeug, Bass und Gitarre. Der Sound hat sich verändert. Trotzdem sind die Fans der Band über die Jahre treu geblieben. So auch Arianne Wilkening (27) aus Stuttgart. Ihr erstes Konzert hat sie mit zwölf Jahren erlebt und es folgten viele weitere. Nach Halle  hat sie es mit ihrer Freundin Katrin Scheef (29) diesmal nicht geschafft. Dafür war das 3D Konzert im Kino „eine gute Alternative“. Die beiden Frauen waren es auch die sich als einzige getraut haben im Kino aufzustehen und zu tanzen. „Vielleicht war es die Unsicherheit, ob man im Kino aufstehen und klatschen darf. Das ist wie in der Kirche“, überlegt  Arianne, „da weiß man auch nie, ob man dem Gospelchor applaudieren darf.“

Das Konzert von den Fantastischen 4 war trotzdem ein Erfolg. Neue und alte Songs wurden kombiniert. Der Feuerzeuglieder-Block wurde von And.Y angekündigt: „Meine Lieben es ist Zeit für Gefühle!“ Darauf folgten bekannte Lieder wie „Sie ist weg“ und „Einfach sein“. Bei einem „Tag am Meer“ sorgte Smudo mit einer rollenden Kugel für Meeresgeräusche. Danach verabschiedeten sie sich vom Kuschelsong. „Are you ready to rock? “, fragt Thomas D. die ca. 30.000 Fans. Vor der Bühne wird die Antwort lautstark herausgeschrien, im Kino bewegt sich niemand.

Nach starken Musikeinlagen und einem langen Gitarrensoli fällt Konfetti auf die Bühne und scheinbar auch in den Kinosaal. Es wird nach einer Zugabe verlangt. Dabei lässt sich Smudo beim Stage Diving in die Menge fallen und wird zum Song „Populär“ über die Menge getragen. Nun ist endgültig Schluss: Fanta 4 bedankt sich, Konfetti fällt, das Kinolicht geht an. Meine Kleidung stinkt nicht nach Schweiß und Bier und außer Atem bin ich auch nicht. Komisches Konzert finde ich, nehme meinen Popcorneimer und gehe nach Hause.

2 Oktober, 2010 Kein Kommentar

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