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Wege aus dem Chaos

von Miriam Kumpf

Symbolfoto: "Jan-Henrik Dobers" / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc)

Der Durchschnitts-Bundesbürger verbringt viel zu viel Zeit damit Dinge zu suchen und aufzuräumen. Das ist wertvolle Zeit, die viel sinnvoller genutzt werden könnte. Wenn man ein bisschen ordentlich wäre. Miriam Kumpf hat versucht, mit der Hilfe eines Ratgebers mehr Ordnung in ihr Leben zu bringen.

Aller Anfang ist schwer

„Sie können sich nicht gut organisieren.“ Ich schlucke. Der Satz sitzt. Ist es wirklich so schlimm? Okay. Ich liebe mein kreatives Klebezettelchaos: An der Wand kleben die verschiedensten Post-it’s, auf meinem Schreibtisch liegt ein Schmierzettel mit to do’s und einige Aufgaben habe ich in meinem Terminkalender notiert. Ich mache immer mindestens fünf Dinge parallel und anstehende Aufgaben packe ich grundsätzlich erst last minute an (schaffe es aber immer!) und muss dann Nachtschichten einlegen. Eigentlich kommt mir mein Leben ziemlich organisiert vor. Es klappt ja immer alles. Irgendwie.

Doch der Selbsttest in Claudia Nussbaums Ratgeber „300 Tipps für mehr Zeit“ hält mir den Spiegel vor. Und nach dem Schockergebnis geht das Drama mit dem „Wie gestresst sind sie?“-Test weiter. „Sie leiden eindeutig unter akutem Stress. Ziehen Sie die Notbremse, sonst droht ein totaler Burn-out.“ Oh je. Noch dazu erfahre ich im „Rechts- oder Linkshirner“-Test, dass ich mich als eindeutiger Rechtshirner gegen Termine und Planungen sträube und am liebsten an fünf Aufgaben gleichzeitig arbeite.

Stimmt. Und jetzt soll mir dieser Ratgeber helfen, ein geplanteres Leben zu führen. Maximal drei Aufgaben auf einmal soll ich umsetzen, rät die Autorin im Vorwort. Und der Mensch brauche drei bis sechs Wochen, um sich an etwas neues zu gewöhnen. Na toll. Außerdem lässt Zeit sich nicht managen. Die magischen Begriffe heißen: Aufgaben organisieren, Prioritäten setzen, Einstellungen ändern, den Umgang mit anderen Menschen verbessern.

3 aus 300

Claudia Nussbaum hat 300 Tipps parat, wie ich mein Leben und meine Zeit besser planen kann. Mein Plan: Drei davon aussuchen und sie drei bis sechs Wochen durchziehen, bis ich mich daran gewöhnt habe.

Der Durchschnittsbürger sucht jeden Tag eine Stunde lang nach irgendwelchen Sachen und verbringt 36 Minuten mit aufräumen. Um diese Zeit zu minimieren und to do-Listen nicht ewig lang werden zu lassen, hat die Autorin folgenden Tipp parat: Alle Aufgaben, die man innerhalb von vier Minuten erledigen kann sofort erledigen und gar nicht auf die to do-Liste setzen. Und alle Handgriffe, die innerhalb von 30 Sekunden erledigt sind, ebenfalls sofort anpacken.

Diese Regel gefällt mir. Hat aber leider zur Folge, dass ich sehr viele Sachen finde, die ich innerhalb von vier Minuten erledigen kann. So verbringe ich regelmäßig bis zu einer Stunde damit, Kleinkram zu erledigen der jeweils nur vier Minuten dauert.

Seit ich die 30-Sekunden-Regel beherzige, ist es in meinem Zimmer wirklich ordentlicher. Das hat allerdings zur Folge, dass ich mich noch mehr über das Chaos in meiner WG aufrege. Überall sehe ich Dinge von denen ich denke: „Das könnte man doch innerhalb von 30 Sekunden aufräumen.“ Der Motorradhelm meiner Mitbewohnerin liegt in der Küche, das Geschirr stapelt sich auf der Geschirrspülmaschine und auf dem Wäscheständer trocknen seit mindestens einer Woche Boxershorts und Tennissocken. Meine Mitbewohner sollten den Ratgeber dringend auch mal lesen!

Das Fazit

Was mir das gebrach hat? Nun, ich versuche, mich etwas von meinem geliebten Klebezettelchaos zu verabschieden und habe mir angewöhnt, anstehende Aufgabe in meinen Terminkalender zu schreiben – äh, in meinen Chancen-Planer (die Autorin rät, Euphemismen zu verwenden, da diese angeblich motivieren). Das klappt sehr gut und wird außerdem meinem Typ als Rechtshirner sehr gerecht. Denn wenn ich Aufgaben planen will, artet das immer noch in Brainstormings aus, bei denen mir tausende von Aufgaben einfallen. Doch nun versuche ich Prioritäten zu setzen und verteile die Aufgaben auf verschiedene Tage in meinem Chancen-Planer. Wenn ich am Ende des Tages alle anstehenden Aufgaben durchgestrichen habe, war es ein guter Tag. Ich bin zufrieden. Das Buch hat mein Leben tatsächlich etwas entchaotisiert.

P.S.

Hatte ich schon erwähnt, dass Rechtshirner nach spätestens sechs Wochen von einer Methode gelangweilt sind und etwas neues brauchen? Bei mir lief das leicht variierend ab: Ich war nach sechs Wochen von meiner neuen Ordnung gelangweilt und bin zu dem alten Chaos zurückgekehrt: Die Wand rechts neben meinem Schreibtisch ist wieder mit Klebezetteln dekoriert, zusätzlich warten einige Aufgaben die ich auf einem Schmierzettel notiert habe darauf erledigt zu werden. Ein paar stehen glaube ich auch in meinem Terminkalender.

24 August, 2010 Kommentare deaktiviert für Wege aus dem Chaos

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