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Mein erstes Mal – planlos in Paris

von Bianca Göpfert

Symbolfoto: "Johannes Langwieder" / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by)

Kein Geld, kein Plan und erst recht keine Zeit: Bianca Göpfert ist im nächtlichen Paris auf der Suche nach dem richtigen Bahngleis. Dabei gerät sie in die Hände von drei jungen Männern und es beginnt eine Irrfahrt durch das Metronetz der französischen Hauptstadt.

Mein Wettlauf gegen die Zeit hat gerade erst begonnen und schon stehe ich vor dem ersten Hindernis: Drehkreuze und Türen, die sich nur in eine Richtung öffnen lassen. Schade nur, dass es nicht meine ist. Und schade, dass mein teuer erbetteltes Ticket gleich verfallen wird, wenn ich den Zug nicht erwische. Ja, erbettelt. Mit 2,50 Euro habe ich vor etwa einer halben Stunde den Bahnhof in Paris betreten. Jetzt bin ich blank, aber ich habe ein Ticket nach Mériel im Wert von fünf Euro und zwei Minuten, um meinen Zug zu finden. Kein Geld habe ich, weil ich es schlicht vergessen habe und nur noch zwei Minuten, weil die Suche nach einem Geldautomaten doch recht zeitintensiv war.

Ebenso zeitintensiv waren dann die vergeblichen Versuche Geld abzubuchen, da der Automat meine Karte nicht lesen konnte. Und meinen letzten Zeitpuffer musste ich verwenden, um freundlich lächelnd Passanten um 2,50 Euro zu bitten.

Ein junger Mann greift in die Türe just in dem Moment, als jemand diese passiert hat. Seine Freunde drängen durch die Tür. Das ist meine letzte Chance. Ich drücke mich an den letzten der Gruppe, um mit Ihm noch durch zu kommen. Das merkt er natürlich. Und ich merke, leider nicht, dass ich gleich einen großen Fehler machen werde. Fragen kostet nichts, denke ich und frage ihn, ob er mir helfen kann, weil ich nicht weiß wo ich hin muss. Ich zeige ihm die SMS meiner Freundin: „Ich kann dich leider nicht abholen, nimm den Train de banlieue nach Persan Beaumont via Valmondois bis Mériel“.

Schwupp die Wupp hat er mein Handy aus der einen Hand genommen und sein Freund meine Tasche aus der andern. Hektisch entreiße ich beides wieder. Verdutzte Gesichter. „Wir können dir helfen, da müssen wir auch hin.“, sagt schließlich einer der Jungs. „Wir fahren Metro!“ Mein Zug fährt so eben, (wo auch immer) ohne mich durch die Nacht in Paris.

Jetzt bin ich allein mit den Jungs – ohne einen Cent Bargeld in der Tasche. Wir laufen endlos lang durch das Tunnelsystem der Metrostationen und steigen mehrmals in verschiedene Züge ein. Ich beginne, mich unwohl zu fühlen und denke, dass es eine gute Idee ist sich vorzustellen. Die Namen meiner Begleiter kann ich mir nicht merken außer: Mohammed, Abdul und etwas das wie Gézir klingt. Gut zu wissen, mit wem ich nachts in Paris planlos durch die Gegend irre. Woher sie kommen, will ich wissen. „Weißt du da bei Sarkozy, wo’s da im Viertel gebrannt hat, weißt du?“. Ich nicke. „Alter, das war bei mir Mann!“

10 August, 2010 2 Kommentare

Aktuell gibt es "2 Kommentare" für diesen Artikel:

  1. Clara sagt:

    wow. eine wahre Geschichte? Tja, Paris ist gefährlich :)

  2. Bianca sagt:

    Ja, das ist wahr ;)

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