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Cecilia Ahern – Ich schreib dir morgen wieder

von Rebecca Rössling

Angenommen man würde jeden Tag erfahren, was einem der nächste bringt. Wie würde man dann leben? Genau diesen Gedanken verpackt Cecilia Ahern in ihrem neuen Buch „Ich schreib dir morgen wieder“.

Die 16jährige Tamara wird in ein völlig neues Leben gestürzt, als ihr Vater Selbstmord begeht, da er mit dem Verlust seines riesigen Vermögens nicht klar kommt. Nachdem sie alles verloren haben ziehen Tamara und ihre Mutter zu deren Bruder und seiner Frau aufs Land. Hier tauschen sie ihre riesige Villa gegen ein kleines Bauernhäuschen ein. Tamara muss sich ein Bad mit Tante und Onkel teilen, während sie früher einen großen Waschraum mit Plasma-Fernseher an der Wand neben ihrem Zimmer hatte. Ihre Freundinnen leben weiterhin ein unbesorgtes  reiches Stadtleben. Sie hingegen kennt auf dem Land niemanden. Noch vor ein paar Wochen war ihr einziges Problem, mit welchem Jungen sie wie weit gehen würde und jetzt sitzt ihre depressive Mutter in ihrem Zimmer, mit den Gedanken in „Wolkenkuckucksheim“.

Auf ihren ersten Erkundungszügen sieht sich Tamara die Ruine eines alten Schlosses genauer an und vergleicht sich mit ihr. Die 16jährige fühlt sich einsam und ist doch irgendwie stark und tough genug, ihren Weg zu gehen. Als sie ein Tagebuch findet, schreibt sie nicht, wie üblich, jeden Abend hinein, was sie erlebt hat. Das Tagebuch schreibt viel mehr ihr selbst den Eintrag von morgen. Dadurch  deckt Tamara einige Geheimnisse ihrer Familie auf und die Geschichte verwandelt sich fast in einen Krimi. Trotzdem kommen Spaß und Liebe nicht zu kurz.

Wer Cecilia Ahern kennt, weiß, ihre Bücher enthalten lebensnahe Storys mit oft übernatürlichen Geschehnissen. Das Tagebuch in „Ich schreib dir morgen wieder“ liefert das Fantastische, wohingegen der Selbstmord des Vaters und die Familientragödie dem Leser eine reale Welt zeigen.

Trotzdem haben sowohl das Tagebuch, als auch die Familienmitglieder keine zu große Rolle inne und auch andere Personen im Buch kommen manchmal fast ein bisschen zu kurz. Dafür ist die Hauptfigur Tamara als Ich-Erzählerin einfach klasse: Ihre vorlaute und direkte Art macht das Buch zu einem richtigen Spaß und die Selbsterkenntnis, dass sie kein netter Mensch war, bevor sie aufs Land zog, macht sie sympathisch.

Sie selbst merkt, dass sie teilweise nur aus Mitleid nett behandelt wird und sagt „Dass mein Vater Selbstmord begangen hat, macht mich nicht netter“. Allerdings verlangt ihr neues Leben ihr Einiges ab. Die Stadt, ihre Freunde und ihr täglicher Gingersnap-Latte mit fettarmer Milch von Starbucks fehlen ihr ganz schön. Mit dem Tagebuch wird es dann aber schnell sehr spannend und neben einer kleinen Liebelei entdeckt sie Einiges über ihre Familie.

Neben der Ich-Erzählerin gefällt es mir sehr gut, dass Cecilia Ahern nach und nach immer mehr Hinweise auf das Ende und die Auflösung gibt. Diese fallen dem Leser auf, bevor sie die Hauptfigur bemerkt, was das Buch sehr spannend macht. Allerdings ist das Ende ein bisschen zu dick aufgetragen und etwas unrealistisch, aber wer Cecilia Aherns Stil schätzt und über das ein oder andere schmunzeln kann, der genießt das Lesen trotzdem. Außerdem finde ich, dass sich der erste Teil des Buches etwas in die Länge zieht. Nachdem man die Lebenssituation von Tamara verstanden hat und sie mit ihrer schnippischen Art kennenlernt, der erwartet eigentlich, dass sofort die Handlung beginnt. Doch bis zum Auffinden des Tagebuchs dauert es noch ein wenig und auch dann entwickelt sich alles erst nach und nach. Dafür rollt die Handlung dann in einem Heidentempo dem Ende entgegen.
Alles in allem hat das Buch wieder eine besondere Note von Cecilia Ahern durch das Tagebuch erlangt und ist leicht zu lesen. Wer noch Lesestoff für den Urlaub sucht, findet ihn hier auf jeden Fall.

(Ahern, Cecilia: Ich schreib dir morgen wieder. Krüger, Mai 2010)

29 Juli, 2010 Kein Kommentar

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