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Zitat der Woche: Ganz neue Töne von der Bahn

von Kai Mungenast

»Es wurden Fehler gemacht«, Bahnchef Rüdiger Grube

Foto: Dr. Rüdiger Grube; DB AG/Marc Darchinger

In den letzten Tagen waren die Zeitungen gefüllt mit immer wieder neuen Horrormeldungen aus den Zügen der Deutschen Bahn. Nun habe ich wagemutig den Selbsttest unternommen: Ich ging in Freiburg in den Hauptbahnhof, habe ein Ticket nach Karlsruhe gelöst und auf den ICE gewartet. Mit einer fünfminütigen Verspätung fuhr der weiße Hochgeschwindigkeitszug an Bahnsteig 1 ein, ich stieg ein. Kaum am Platz spürte ich einen kühlen Wind. Die Klimaanlage funktionierte perfekt und zeigte, wie Leistungsfähig sie sein kann. Die Herausforderung für die technische Anlage an diesem Tag war vermutlich nicht sehr hoch, schließlich hatten sich die heißen Temperaturen verabschiedet, gerademal 28 Grad konnte man draußen messen.

Also noch genug Luft, bis die Obergrenze der Klimaanlage in den Zügen erreicht ist. Wie nun bekannt wurde, soll diese bei 32 Grad liegen. Mit höheren Temperaturen haben die Ingenieure vor einigen Jahren wohl nicht gerechnet. Nun hatten wir vor einigen Tagen die warmen Spitzentage in diesem Jahr und die Technik versagte total: Mehrere jüngere und ältere Fahrgäste waren in den Fahrröhren gefangen, ohne frische Luft und ohne ausreichende Kühlung. Eine Kraftprobe für den Kreislauf, der bei manch einem Fahrgast versagte. Am Endbahnhof mussten dann Rettungskräfte alarmiert werden. Keine schöne Erfahrung, die mir bei meiner Fahrt zum Glück erspart blieb.

Der neue Bahnchef Rüdiger Grube zeigt sich von diesen Ausfällen überrascht. Er beteuert, ihm seien Probleme mit der Kühltechnik bisher nicht bekannt gewesen. Dennoch: „Es wurden Fehler gemacht“, gesteht er gegenüber dem SPIEGEL zu und ist vor allem mit dem Krisenmanagement seiner Mitarbeiter unzufrieden. Es gäbe für solche Fälle im Konzern Notfallpläne: „Leider hat das in den bekannten Fällen ein paar Mal nicht geklappt. Hier müssen wir besser werden – keine Frage.“

Wir zahlenden Fahrgäste sind verwirrt: Das sind ganz neue Töne, die wir von der Bahn hören. Unter der Leitung des alten Bahnchefs haben wir lange auf solche Fehlereingeständnisse und Entschuldigen gewartet. Geschweige denn eine Widergutmachung erhalten. Immerhin 500 Euro sind es, die Grube den Geschädigten in Aussicht stellt, entschuldigt hat er sich auch schon und mit den entsprechenden Verantwortungsträgern setzt er sich auseinander. Wenn viele Politiker und Fahrgäste auch noch der Meinung sind, dies reiche nicht, so lässt diese Reaktion schon ein kleines Antlitz der „neuen Bahn“ durchblicken. Vielleicht sogar eine Bahn, bei der wir König Kunde sein können, mit unseren Anliegen ernst genommen werden, die Warteschlangen vor dem ServicePoint kürzer sind und auf die Durchsagen am Bahnsteig Verlass ist? Oder sind dies nur PR-Reaktionen, um schnell wieder aus den Schlagzeilen zu kommen? Die nächsten Jahre werden es zeigen, ob sich die Bahn in ein kundenorientiertes Dienstleistungsunternehmen entwickelt. Hoffen ist zumindest erlaubt, verehrter Herr Grube!

27 Juli, 2010 1 Kommentar

Aktuell gibt es "1 Kommentar" für diesen Artikel:

  1. Clara sagt:

    Die Bahn und kundenorientiert ??? Wer’s glaubt.
    Aber die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.

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