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Ich, Veganer, Klimaschützer?

von Fabienne Kinzelmann

Foto: "Christian Wolf" / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc)

Immerhin  zehn Prozent  der Menschen in Deutschland ernähren sich vegetarisch. Veganer verzichten sogar komplett auf tierische Produkte – Philipp ist einer davon.

Keine Milch, keine Eier und erst recht kein Fleisch: Philipp fällt auf. Nicht wegen seiner langen schwarzen Haare oder der verschlissenen Kleidung, sondern vor allem wegen seines Essverhaltens. Er betrachtet sorgfältig jede Verpackung bevor er zugreift. Oder er kocht selbst – um sicher zu gehen, dass es wirklich vegan ist. Gehört hat man die Bezeichnung „Veganer“ sicherlich schon, vielleicht auch darüber gelesen. Doch wenn plötzlich jemand sagt: „Hey, ich bin jetzt übrigens Veganer!“ fängt man an zu überlegen, was das jetzt wirklich bedeutet. So ging es Philipp vor über eineinhalb Jahren.

Fleischfrei ernährte er sich seit seinem 14. Lebensjahr. Nach seinem heutigen Empfinden eine  „nicht durchdachte und spontane Entscheidung“. Interessiert beschäftigte  sich der Baden-Württemberger intensiver mit dem Leben ohne jegliche tierische Produkte: „Ist das gesund? Was bewegt einen dazu?“. Er setzte sich mit den ethischen Aspekten auseinander und war nach ein bisschen Recherche schnell vom Tierschutz überzeugt. Daher fasste  den Entschluss, Tiere nicht länger für sein ohnehin schon luxuriöses Leben als Mensch leiden lassen zu wollen. „Ich habe angefangen, auszusortieren und mich nach und nach von allem Tierischem abzusetzen. Meine Mutter war gar nicht begeistert, hat es als „Phase“ abgetan und gemeint: „Wenn du 18 bist, reden wir da nochmal drüber“, erzählt Philipp. Mittlerweile ist er 19 – und seine Mutter hat akzeptiert, dass im Kühlschrank für Sojamilch und Tofu Platz gemacht werden muss. Seine Familie isst Philipp zuliebe mittlerweile selbst oft vegan.

Philipp hat sein Konsumverhalten grundlegend geändert. Bei jedem Wind und Wetter nutzt er seinen Drahtesel, in Sonderfällen die Öffentlichen Verkehrsmittel. Genervt ist er nur selten, wenn beispielsweise nichts Veganes mehr im Haus ist oder keine Zeit zum Kochen bleibt. „Da wäre die Discounter-Fertigpackung schon einfacher“, seufzt er. „Aber dafür ist mir wenigstens kein unveganes Bier in Deutschland bekannt.“

Die gesundheitliche Seite des Veganismus wird überall kontrovers diskutiert. „Gegenargumente beruhen in der Hinsicht vor allem auf Klischees vom Eisenmangel oder Bauernweisheiten wie ‚Nur Fleisch macht stark’. So ausgewogen, wie ich esse, sollte das eigentlich jeder tun: buntes Obst und Gemüse, viel Vollkorn.“, erklärt  Phillip, der von seinen Freunden Phil genannt wird.  Nur das Vitamin B12 muss er über angereicherte Lebensmittel oder Tabletten zu sich nehmen. Das für das Nervensystem enorm wichtige B12 ist nur im Tierdarm enthalten – das körpereigene kann vom Menschen nicht verwertet werden – oder wird von Bakterien im Boden gebildet. „Die Chemie wie zum Beispiel Dünger beim Ackerbau oder das Putzen von Erdfrüchten machen jedoch alles kaputt, da sich das Vitamin nur an der Schale befindet. Wir essen quasi nur B12-steriles Gemüse.“

Was vor allem beim Veganismus auffällt: Der Lebensstil ist weitaus weniger klimaschädlich als eine „normale“ Lebensweise, denn allein die Viehzucht ist weltweit für 18 Prozent des Kohlenstoffdioxid-Ausstoßes verantwortlich. Ob sich Philipp deswegen auch als Klimaschützer fühlt? „Ich bin vielleicht weniger Klima-Kaputtmacher als andere, weil durch mein Konsum- und Fortbewegungsverhalten mein persönlicher CO²-Ausstoß niedriger ist. Aber stolz, finde ich, darf ich darauf nicht sein, solange ich noch selbst CO² ausatme und somit immer noch zum Klimawandel beitrage“, sagt Philipp lachend. „Nein, ich nehme natürlich immer noch gewisse Dinge in Anspruch. Allein, was Computer- und  Internetnutzung für einen hohen Energiebedarf haben!“ An die Folgegeneration müsse man aber immer denken. Menschen sollten nicht alles mit ihrem Nutzungsverhalten durcheinanderbringen und der Erde mehr natürliche Entwicklung lassen, findet Philipp. Er versucht, bei seinen eigenen Aktivitäten stets im Blick zu behalten, was man noch tun könnte.  Auch sein Umfeld wird durch ihn aufmerksamer. „Seit ich meiner Klasse einmal einen veganen Kuchen gebacken habe, sind sie sogar ziemlich überzeugt und unterstützen mich deutlich, wenn doch mal wieder jemand etwas dagegen sagt.“ Im Rahmen des Erdkundeunterrichts testeten alle übrigens ihren „ökologischen Fußabdruck“ (www.deutschebp.de/energierechner). Philipp betrachtet sein durchweg positives Ergebnis sarkastisch: „Nur die Dritte-Welt-Länder sind besser als ich.“

26 Juli, 2010 1 Kommentar

Aktuell gibt es "1 Kommentar" für diesen Artikel:

  1. GanzbestimmtkeinVeganer sagt:

    Soso, ein Energierechner von BP. Was sind denn bitte Dritte-Welt-Länder? Gibt es eine erste Welt? So ein Quatsch. Genauso wie die Aussage, dass diese Länder (die da wären …?) weniger CO2-Ausstoß hätten. Nur weil in manchen Ländern der Großteil der Haushalte keine Kühlschränke haben, heißt das nicht, dass sie nicht auf andere Weise (Industrie, veraltete Autos etc.) CO2 erzeugen. Diese ökologischen Fußabdrücke sind in etwa so wie der Grün-o-mat von den Grünen oder wie die von anderen Parteien: Sie zeigen das, was man gerne haben möchte – Sei es nun der Verbraucher, der Wähler oder Energieunternehmen. Zu anderem möchte ich noch anmerken, dass der durch Tierzucht verursachte CO2-Ausstoß wohl doch der ist, der am meisten gerechtfertigt ist. Ist es „unsinniger“ von Berlin nach Hamburg zu fliegen oder beim Metzger Rinderfilet zu kaufen?

    Schon allein der Fakt, dass Veganer per se gesünder leben, macht mich stutzig: Wer sagt das denn? Wenn Veganer sich durch Tabletten „am Leben erhalten“ müssen, führt es das Ganze doch ad absurdum! Lebensergänzungsmittel sind NIEMALS ein Ausgleich für gesunde und ausgewogene (!) Ernährung. Keiner weiß außerdem so richtig, was in diese Tabletten hinzugegeben wird. Letztes Jahr oder auch vor ein paar Monaten kam eine Studie heraus, dass sogar krebserregende Stoffe dadurch aufgenommen werden. Hinzu kommt, dass der Körper sehr schlecht damit umgehen kann, wenn von einem z.B. Vitamin ein Schwall hereinbricht. Bei Vitamin C bspw. wird das einfach nur wieder abgegeben (Was noch der beste Fall ist.). Der Mensch ist kein reiner Vegetarier oder Veganer, siehe Mangelerscheinungen.

    Zieht denn Philipp das auch durch? Echte Veganer tragen auch keine Lederschuhe und benutzen keinen Leim. Entweder ganz oder gar nicht – sonst wird es zu einer Art gutgemeinte Bequemlichkeit.

    Es freut mich doch immer wieder einen schlecht recherchierten und unkritischen Text zu lesen. Vielen Dank!

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