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Du weißt nicht, wer ich bin!

von Rebecca Rössling

Floor Kloostermans und Marcia Janssens sind wie jedes andere fünfzehnjährige Mädchen. Mal unglücklich verliebt, hier und da eine Streiterei mit den Eltern, hinzu kommen natürlich die Schule und der Alltagsstress. Ihren Computer nutzen sie, um den Kopf frei zu bekommen und gezielt Jungs kennen zu lernen. Entweder über Internetcommunitys, auf denen sie sich ein Profil anlegen, oder im Chat. Interessierte gibt es immer. Mit ausgestopften BH’s und stark geschminkt sehen sie fast wie 17-jährige aus. Besonders Marcia liebt es, sich in der virtuellen Welt zu präsentieren. Manchmal zieht sie sich für die Jungs auf der anderen Seite aus.

Er fragte sie, ob sie wisse, was Männern Spaß mache. Marcia gab ehrlich zu, dass sie in solchen Dingen ziemlich ahnungslos war. Ruud forderte sie auf, sich auszuziehen und sich nackt vor die Webcam zu stellen. Marcia tat, wie ihr geheißen. Was soll’s, dachte sie, niemand wird es je erfahren.’

Den beiden Freundinnen widerfährt bald, was sich viele Mädchen erträumen. Sie werden von einer Modelagentur angeschrieben, die auf ihre Profilbilder aufmerksam geworden ist und sie zu einem Probeshooting einlädt. Während die schüchterne Floor von ihrer stolzen Mutter unterstützt wird, behält Marcia, bei der zu Hause die Scheidung ihrer Eltern bevorsteht, die Neuigkeit für sich. Nach einigen Fotos, die der Agenturchef mit einer Assistentin im Park von den Freundinnen macht, will er ein zweites Shooting in seinem Studio abhalten. Vor einer schönen Strandkulisse posieren die beiden, wie echte Models. Erst als sie immer freizügiger werden sollen, schöpfen sie Verdacht. Doch da ist es schon zu spät. Die beiden Mädchen werden gefügig gemacht, die Situation entgleist und wird fast lebensbedrohlich für sie.

Schon ein paar Tropfen zu viel konnten eine Art Koma hervorrufen. Wie viel hatte er in das erste Getränk getan? Sie wusste es nicht… Ihre Hand zitterte, als sie ein paar Tropfen der Flüssigkeit in den Saft träufelte.’

Waren Marcia und Floor einfach zu neugierig und unerfahren, was das Chatten angeht? Kennen wir Jugendliche uns gut genug mit den Gefahren des Internets aus und können wir ihnen aus dem Weg gehen? Fragen, man sich als Leser schnell stellt. Natürlich weiß jeder mittlerweile, dass er seine Handynummer oder Adresse nicht herauszugeben sollte, die Fotos, die man hochlädt, sorgfältig aussuchen muss und einen Chatpartner erst vorsichtig kennen lernen sollte. Dass es, sobald Vertrauen aufgebaut ist, aber doch manchmal zum Telefongespräch kommt, das Bikini-Foto aus dem letzten Strandurlaub aufreizend genug sein kann oder schnell vergessen wird, dass der Mensch auf der anderen Seite ein völliger Fremder ist, kommt immer wieder vor.

Die Autorin des Buches, Helen Vreeswijk, kennt sich mit solchen Problemen sehr gut aus. Sie war Kriminalbeamtin bei der niederländischen Kripo. Entführungen, Erpressungen, Mordfälle und Zwangsprostitution gehörten zu ihrem Alltag. Ihre Jugendromane basieren immer ein Stück weit auf realen Erfahrungen.

Gerade deshalb mahnt sie, in dem gerade in Deutschland erschienenen Thriller, auf ganz andere Art und Weise zur Vorsicht, als man es gewohnt ist. Gnadenlos unbeschönigt lässt sie zwei Mädchen ins Unglück rennen.

Auf ihrem Bauch spürte sie Sabrinas Hand, die langsam tiefer glitt. Floor brach der kalte Schweiß aus. Was, um Himmels willen, wollte die Frau von ihr? Und wo war Marcia? Was machten diese Leute mit ihr?’

Der ekelhafte Missbrauch, den der Leser früh voraussieht, jagt einem einen regelrechten Schauer über den Rücken. Gebannt verfolgt man die zwei naiven Hauptfiguren, wie sie von einem unbekümmerten Schülerleben in Opferrollen gedrängt werden. Das Resultat des Verbrechens gibt dem Leser eine leichte Ahnung von der hilflosen Scham, die sexuell Missbrauchte verspüren.

Beim nächsten Foto zweifelte er. Marcia lag nackt auf dem Rücken, Floor neben ihr auf der Seite, ebenfalls nackt. CD-ROM oder Site? Das Licht war gut, die Komposition gelungen. Site also, beschloss er.’

Mit einer solchen Geschichte schafft es Helen Vreeswijk ganz anders, zum Nachdenken anzuregen, als es ein Zeitungsartikel zum Thema „Gefahren des Internets“, von Papa extra auf den Schreibtisch gelegt, bewirken könnte. Plötzlich erinnert man sich an das eine oder andere Mal, als man selbst noch Chatrooms besucht hat. Wäre man vielleicht auch auf ein solches Angebot hereingefallen? Ist man mit 13, 14 oder 15 schon so weit, die Tricks der Perversen und Geldgeilen zu durchschauen? Kaum jemand ist sich bewusst, wie oft das Internet über versteckte Seiten zur Verbreitung von Kinder- und Jugendpornografie benutzt wird. Hier treten Interessenten in Kontakt und tauschen später ihr Material beispielsweise auf dem Postweg, aus. Hat der angeblich 17-Jährige leidenschaftliche Basketballspieler Chris aus Köln erst mal ein Bild von einer 14-Jährigen oben ohne ergattert, dann schickt er es – nun als Heinrich, 52 – an seine perversen Tauschkumpels weiter. Genau hiervor warnt Helen Vreeswijk. Ihre aggressive Darstellung der möglichen Gefahren erscheint gerade richtig, denn sie rüttelt wach.

Ich persönlich bin sofort Fan ihrer knallharten Schreibweise geworden. Es geht nicht um ein Thema, das lustig oder romantisch ist. Ganz im Gegenteil. Wie unter einer Käseglocke vergessen wir viel zu oft, dass es außer den von der Presse breitgetretenen Verbrechen wie Mord oder Missbrauch andere, stillere Vergehen gibt. Ob man Opfer eines solchen wird, hängt vor allem vom eigenen Verhalten ab. Natürlich trennt einen vom Chatpartner rein räumlich betrachtet viel, doch das darf uns nicht vergessen, wie viel Macht wir diesem über uns geben, wenn wir ihm zu viel anvertrauen. Sobald man das Gefühl hat, intim zu werden, eingeschüchtert zu sein oder persönliche Dinge auszuplaudern, sollte die Notbremse gezogen werden. Nach der Schule mit Freunden in ICQ, MSN und Co. zu chatten ist normal und absolut in Ordnung. Helen Vreeswijk lässt Marcia und Floor eine Situation durchleben, die uns weit weg vorkommt. Doch das Internet bietet Anonymität und Spielraum für erfundene Identitäten. Diese Tatsache hat sie in einem spannenden, packenden Thriller aufgegriffen, bei dem man am Liebsten gar nicht wissen will, wie viel Wahrheit er enthält.

(Vreeswijk, Helen: Chatroom-Falle. Loewe Verlag, September 2009)

24 Juli, 2010 1 Kommentar

Aktuell gibt es "1 Kommentar" für diesen Artikel:

  1. Denise Eisenbeiser sagt:

    Hallo Rebecca,
    Ich finde deinen Artikel bzw. deine Rezension sehr gut gelungen. Du gibst den Inhalt sehr schön und knapp wieder und verräts nicht zu viel. Auch die Ausschnitte aus dem Buch finde ich hast du gut ausgewählt.
    Danke für diesen Artikel. Ich werde mir dieses Buch so schnell wie möglich kaufen.

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