Home » Gesellschaft »Politik » Aktuell am lesen:

Im Herzen der Demokratie

von Melanie Michalski

Foto: Ralf Michalski

Was erwartet einen eigentlich im Reichstag? Autorin Melanie Michalski nimmt euch mit auf eine Führung.

52 Meter erhebt sich das hohe Herz der deutschen Demokratie vor mir: der Reichstag mit seiner gewaltigen Glaskuppel. „Ab hier warten Sie noch 20 Minuten“ – das Schild steht beinahe am Anfang einer schier endlosen Menschenschlange, die sich unter der Widmungsschrift „Dem deutschen Volke“ am Westportal angesammelt hat.

Glücklicherweise haben wir schon vorneweg eine Führung durch den Reichstag angefragt und laufen um das Gebäude herum zum Nordeingang, an dem unser Führer Frederick Koch, ein Mitarbeiter des SPD-Bundestagsabgeordneten Rainer Arnold, auf uns wartet.

Doch bevor es richtig losgehen kann, müssen wir durch eine Sicherheitskontrolle: Von oben bis unten werden wir abgetastet und auf Waffen untersucht, erst dann dürfen wir passieren und gelangen in einem gläsernen Aufzug eine Etage höher, auf die Besucherebene.

Mein Blick fällt als erstes auf eine Säule, auf der senkrechte Leuchtbänder ablaufen. Die so genannte „Säule des Parlaments“ ist ein Kunstwerk der amerikanischen Konzeptkünstlerin Jenny Holzer. Auf ihr werden Reden und blinkende Zwischenrufe von 1871 bis 1999 wiedergegeben. Tag und Nacht laufen die Leuchtbänder ununterbrochen – und das 122 Tage lang am Stück, dann fängt alles wieder von vorne an. Neben dem Kunstwerk aus den USA gibt es noch drei weitere Kunstwerke der Siegesmächte Frankreich, Großbritannien und Russland, die sich im ganzen Gebäude verteilt wieder finden.

Foto: Ralf Michalski

Wer auf dem breiten Gang einen Blick nach rechts und links wirft, dem fallen zuerst die kyrillischen Zeichen an den Wänden auf. Es handelt sich dabei um Inschriften russischer Soldaten, die am Ende des zweiten Weltkrieges das Gebäude eroberten. Man findet fast ausschließlich Daten und Orte der Soldaten vor, die zunächst restauriert und anschließend sogar auf Schimpfwörter überprüft wurden, bevor sie für die Besucher öffentlich ausgestellt werden konnten.

Weiter geht’s zum Plenarsaal in der Westlobby. Man gelangt durch die Türen mit den Aufschriften „Ja“, „Nein“ oder „Enthaltung“ in den Raum, die für den so genannten „Hammelsprung“ benutzt werden. Das ist eine der drei Abstimmungsarten, bei der die Abgeordneten gezählt werden, wenn sie den Saal betreten, wie zum Beispiel bei der Afghanistan-Debatte 2009. Der Hammelsprung wird immer dann benutzt, wenn unklare oder knappe Abstimmungen stattfanden.

Im Plenarsaal stehen zahlreiche lila-blaue Stühle, auf denen die 622 Bundestagsabgeordneten Platz finden, außerdem gibt es Zuschauertribünen für Besucher, Studenten- und Schülergruppen, Fotografen und Journalisten.

Grafik: Ralf Michalski

An der Wand zum Plenarsaal befinden sich viele kleine Schränke. Dort werden die Stimmkarten aufbewahrt.

In 22 Wochen im Jahr finden hier im Plenarsaal Sitzungen statt. In den anderen Wochen des Jahres nehmen die Abgeordneten an Wahlsitzungen teil und leisten Vor- und Nacharbeit der Plenumssitzungen.

Geht man am Abgeordnetenrestaurant und der Wandhalle Südwest vorbei, so kommt man in die Abgeordnetenlobby. Wie ein Erholungsort wirkt sie durch die vielen gemütlich wirkenden Sessel. Tatsächlich dient sie aber einem ganz anderen Zweck. Er ist eine Stätte der Besinnung und des Gedenkens an die von den Nationalsozialisten verfolgten Mitglieder des Reichstags. Vor dem schockierend treffenden Mahnmal, einem Bild von der Künstlerin Katharina Sieverding, befinden sich drei Holztische mit Gedenkbüchern. Sie erinnern an die 120 ermordeten Reichstagsmitglieder und an weitere, die verhaftet, verfolgt oder in die Emigration getrieben wurden.

Wer einen Blick aus dem Fenster der Abgeordnetenlobby wirft, entdeckt ganz in der Nähe eine Reihe von schwarzen, dicht beieinander stehenden, schrägen Steinplatten. Jede von ihnen erinnert an eines der ermordeten Reichstagsmitglieder.

Foto: Ralf Michalski

Auf dem Weg nach oben Richtung Kuppel passieren wir verschiedene Räume. Den Clubraum mit seiner Raucherzone verlassen wir jedoch schnell wieder.

Als wir schließlich den Andachtsraum betreten, staune ich nicht schlecht. Das soll ein Andachtsraum sein? Das Einzige was hier an seinen Zweck erinnert, ist das kleine Kreuz auf einem Steintisch ganz vorne. Davor stehen viele kleine, unbequeme Holzstühle mit einer langen Rückenlehne. An den Wänden hängen seltsame Nagelbilder, die Kreuze darstellen sollen.

Das Rätsel lüftet sich ein bisschen: Der Andachtsraum ist für alle Religionen gedacht, weswegen auch eine schräge Stufe vorne rechts eingebaut wurde, deren Spitze Richtung Mekka zeigt.

Vorbei an Tastmodellen des Reichstags für Blinde – ja, es gibt hier spezielle Blindenführungen – und diversen weiteren Kunstwerken gelangen wir mit einem anderen Aufzug zwei Etagen höher. Wir befinden uns jetzt auf der vierten Ebene, der Fraktionsebene. Jede der fünf Fraktionen hat ihren festen Platz. Hier gibt es Vorstandszimmer, Versammlungssäle und Vorräume, die sich alle um die ausgedehnte Presselobby reihen.

Wir dürfen einen kurzen Blick in den größten der Fraktionssäle werfen: Der Fraktionssaal der SPD. In dem kleinen Vorraum liegen Anwesenheitslisten aus, denn wenn einer der Abgeordneten nicht erscheint muss er Strafe zahlen – sogar bei Krankheit! Im Fraktionssaal werden die Sitze nach Landesgruppen eingeteilt. Zurzeit besteht der Fraktionsvorstand der SPD aus 222 Mitgliedern.

Nach einem kurzen Sitz- und Mikrofoncheck auf dem Platz des Fraktionsvorstandes und einem Bild fürs Familienalbum geht es wieder zurück in die Presselobby, in deren Mitte man einen übersichtlichen Blick von oben auf den Plenarsaal hat.

Die Bundesflagge steht an der östlichen Seite des Saals. Ein regelrechter Blickfang ist der Adler, der über der Bundesflagge thront. Das Symbol des Bundestags, auch genannt die „Fette Henne“, wiegt stolze 2,5 Tonnen und verleiht dem Ganzen eine gewisse Würde.

Foto: Ralf Michalski

Mit einem weiteren Aufzug geht es noch eine Etage höher, auf der Ebene mit der Besucherterrasse. Jetzt kommt der Teil der Besichtigung, auf den ich mich am meisten gefreut habe: Die Glaskuppel. Zuvor müssen wir jedoch wieder durch eine Sicherheitskontrolle; ich komme mir langsam vor wie ein Schwerverbrecher, dabei will ich doch nur die Glaskuppel besichtigen. Nachdem wir uns von unserem Führer verabschiedet und eine Tasche voller Infomaterial erhalten haben, ist es endlich soweit: Wir machen uns samt Audioguide an das Erklimmen der Kuppel. Während wir die Rampe hoch laufen und uns mit Informationen über die umliegenden Gebäude füttern lassen, bietet sich uns ein gigantisches Panorama bei strahlendem Sonnenschein. Ob Charité, Museumsinsel, Berliner Dom, Fernsehturm oder Kanzleramt, man hat einfach alles im Blick. Die letzten Worte meines sonst so gesprächigen Audioguides sind knapp, sprechen mir aber aus der Seele: „Genießen Sie nun noch einmal die Aussicht über die Berliner Innenstadt und lassen Sie die Eindrücke auf sich wirken.“

22 Juli, 2010 Kommentare deaktiviert für Im Herzen der Demokratie

Diesen Artikel kommentieren:

Aktuelle Print-Ausgabe (NOIR 19)

Nachbarn kann man sich zwar nicht aussuchen, aber man kann ihnen begegnen. Und das tun wir von den unterschiedlichsten Seiten: Wie leben Nachbarn in Andalusien, im Nahen Osten, im Klassenzimmer? Außerdem geht es in der NOIR um Hamster-Missverständnisse, Streber-Opas und plötzlichen Postboten. Ihr lest von den Kriegsnarben in Bosnien-Herzegowina und zwei Studentinnen, die spontan im Westjordanland einen Dokumentarfilm gedreht haben. Besser nicht verpassen.
Viel Spaß beim Lesen! »

Kategorien