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Auf der Suche nach den Abgründen unserer Seele – ein Familiendrama

von Jessica Christian

Winter in den bayerischen Alpen. Mitten zwischen Eis und Felsen trägt ein junger Mann seine gehbehinderte Freundin den Berg hinauf. Das Knirschen des Schnees ist zu hören, das angestrengte Atmen, das Geräusch der aneinander reibenden Kleidung. Keine Musik. Kommentar- und manipulationslos beginnt Florian Eichinger sein Spielfilmdebüt „Bergfest“.

Bereits in dieser kurzen Einstiegsszene spiegelt sich der Charakter des Films wieder. Er lebt von den Aufnahmen, den Schauspielern und einer Spannung, die ohne übertriebene Hintergrundmusik entsteht. Ein Film, der fesselt, den Zuschauer aber nicht an der Leine führt. Psychologisch exakt analysiert, erzählt er die Geschichte des jungen Schauspielers Hannes, der mit seiner Verlobten Ann ein Wochenende in der familieneigenen Berghütte verbringen möchte. Womit er nicht rechnet: Sein Vater Hans-Gert ist bereits dort, zusammen mit seiner 19-jährigen Freundin Lavinia. Es ist das erste Zusammentreffen der beiden seit mehr als acht Jahren und der erste Versuch eine erneute Vater-Sohn-Beziehung aufzubauen. Doch nicht nur die Beziehung zwischen Hannes und Hans-Gert muss gerettet werden. Ann fühlt die unterdrückte Traurigkeit ihres Verlobten und will endlich die Wahrheit wissen über ihn und seinen Vater. Als Hannes dazu nicht bereit ist, kommt es schließlich zum Zerwürfnis zwischen ihnen.

Mit eindringlicher Genauigkeit beschreibt Regisseur und Drehbuchautor Eichinger seine Charaktere. Der Konflikt zwischen den beiden Männern ist spürbar, der Zuschauer bemerkt die Enttäuschung des Sohnes, ohne aber den Gegenstand der Auseinandersetzung zu kennen. Mit leisen Tönen nähert sich der Film der Auflösung des Geheimnisses.

Es geht um die Grenzüberschreitung, die Suche nach Grenzen, sowohl zwischen Eltern und Kind, als auch zwischen den Partnern. Die erzieherische Verantwortung eines leiblichen, so wie eines Stiefvaters und schließlich der Verrat am Kind. Eichinger thematisiert die Gewalt, ohne dabei auf reine Klischees zu verfallen. Vielmehr sucht er sich das Unausgesprochene. Er zeigt die Rolle seelischer Gewalt und seelischer Verletzungen für die Psyche eines Menschen, ein Thema, das in den Medien oft vernachlässigt wird.

Der Film beweist, dass die wichtigen Dinge miteinander verflochten sind und erteilt eine Absage ans Schubladendenken.

Die Szenen sind so exakt ausgearbeitet, dass man das Gefühl hat, dabei zu sein. Besonders beeindruckend sind hierbei die Leistungen der Schauspieler und des gesamten Teams, die den 90-Minuten-Film innerhalb von zehn Tagen drehen mussten. Ohne öffentliche Fördergelder und ohne Senderbeteiligung gab es gerade einmal ein Budget von 50.000 Euro. Fehler sind in so einer Situation nicht erlaubt. Martin Schleiß, vor „Bergfest“ in der Branche völlig unbekannt, gibt als Hannes ein großartiges Debüt und gewann den Preis als bester Schauspieler beim Falstaff International Film Festival 2009. Auf mehr als 20 weiteren Filmfestivals wurde der Film national und international eingeladen und mehrfach preisgekrönt.

„Bergfest“ ist ein Film, der unter die Haut geht, den Zuschauer mitnimmt und nicht mehr so schnell loslässt. Arthouse vom Feinsten – definitiv einen Kinobesuch wert.

Kinostart: 8. Juli 2010

8 Juli, 2010 Kein Kommentar

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