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Von der Penntüte zum Stadtführer

von Ines Schröder

Ein etwas anderer Weg durch Stuttgart

Eine Reportage über Stuttgarts Brennpunkte und die Straßenzeitung trott-war.

Thomas Schuler - Foto: Ines Schröder

Es ist ein warmer Donnerstag im April. Wir stehen auf dem Marienplatz in Stuttgart und warten auf  den Rest der Redaktion, den wir leider in der S-Bahn verloren haben.  Der Platz ist groß und vor einigen Jahren neu gestaltet worden. Grünzeug, Hecken, Sträucher und ein Spielplatz. 1866 ist er für die damaligen Anwohner erbaut worden. Heute ist der Marienplatz trotz  einer Hauptverkehrsstraße ein schöner Ort um gemütlich einen Cappuccino in einem der umliegenden Cafés zu trinken.

Was wir zuerst nicht bemerken,  war der Anlass der Umgestaltung:

„Dieser Platz hat sich in unsere Zeitrechnung hinein immer mehr zu einem Alkoholiker-, Obdachlosen- und Drogentreffplatz entwickelt.“, erklärt uns Thomas Schuler, angestellter Stadtführer der Straßenzeitung „trott-war“. Er begrüßt uns mit einem weißen Regenschirm an der U-Bahnstation.

Der glatzköpfige Mann in schlichter Kleidung beweist uns, dass man trotz Alkoholsucht, Arbeits-und Obdachlosigkeit seinen Humor nicht verlieren muss. Fünf Jahre war er obdachlos, zog mit seiner Penntüte, wie er liebevoll seinen Schlafsack nennt, von einem Platz zum anderen, vorausgesetzt er war so nüchtern, dass er laufen konnte.

„2,8 Promille hatte ich jeden Morgen nach dem Aufwachen bereits im Blut. Mein Rekord lag am Abend dann bei 6,8 Promille.“

Authentischer kann eine Stadtführung durch die „Brennpunkte“ Stuttgarts gar nicht sein. Aber er hat es geschafft. Dank seiner Freundin, die ihn vor die Wahl gestellt hat: „Ich oder der Alkohol.“

Seit dem 1. April 2007 ist Thomas Schuler fest angestellter Verkäufer und Hauptstadtführer. Mit Hilfe von trott-war war er innerhalb von zwei Jahren schuldenfrei. Er ist zu Recht stolz auf sich und verzichtet auf Beschönigungen.

„Wir werden so lange an diesen Plätzen geduldet, bis wieder eine Baustelle kommt, oder Beschwerden von Anwohnern.“ Jene gab es auch von Fahrgästen der SSB, die sich nachts über die herumliegenden Menschen in den U-Bahnstationen erregten.  Seitdem hört man an der Haltestelle Klavierkonzerte.

„Mozart hatte einen Bombenerfolg. Musik mit hellen Tönen geht dermaßen auf die Nerven, auf das Unterbewusstsein. Man wird noch nervöser als man eh schon ist und verlässt die Station. Aber man muss auch den richtigen Knopf drücken.“ Thomas Schuler grinst. „Einmal lief Pink Floyd – The Wall. Da bin ich ein bisschen länger geblieben.“

3 Juli, 2010 Kommentare deaktiviert für Von der Penntüte zum Stadtführer

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