Home » Gesellschaft »Politik » Aktuell am lesen:

Bundesversammlung wählt Wulff

von Luca Leicht

Christian Wulff - Archivfoto - Foto: "Manos Radisoglou" / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by)

Heute Mittag wurden die 1244 Wahlmänner der Bundesversammlung aus der ganzen Republik in den Reichstag bestellt, um den Nachfolger für Horst Köhler ins Schloss Bellevue zu wählen. Nachdem die Stimmen zum ersten Wahlgang abgegeben wurden und die erste Auszählung ein Ergebnis ergab, war es soweit: Zuversicht und Freude sah man auf der einen Seite, blankes Entsetzen und verärgerte Mienen auf der anderen. Kaum einer der CDU-Mitglieder hatte damit gerechnet, dass ihr Kandidat, der Ministerpräsident aus Niedersachsen, Christian Wulff, mit nur 600 Stimmen im ersten Wahlgang auffährt. Passend zur laufenden WM werden Worte aus dem Fußball-Jargon laut: Das Ergebnis sei eine Ohrfeige für die Kanzlerin und die Bundesregierung. Die Reihen der SPD und Grünen waren dagegen mehr als zufrieden mit dem ersten Ergebnis. Ihr Kandidat Joachim Gauck erhielt 499 Stimmen und damit 37 Wahlzettel mehr als Wahlmänner von diesen beiden Parteien gestellt wurden. Die Linke schickte mit Lukrezia Jochimsen eine eigene Kandidatin ins Rennen um das Amt des Bundespräsidenten. Sie erhielt lediglich 126 Stimmen. Da die ersten zwei Wahlgänge allerdings eine absolute Mehrheit von 623 Stimmen erfordern um ein endgültiges Ergebnis zu liefern gab es einen zweiten Wahlgang.

Um 15.15 Uhr wurde dann vom Bundestagspräsidenten Norbert Lammert die Unterbrechung der Bundesversammlung aufgehoben und zum zweiten Wahlgang aufgerufen. Auch dieser ging wider vieler Erwartungen für Wulff ungünstig aus und verpasste damit der Koalitionsregierung unter Merkel erneut einen gewaltigen Denkzettel. Wulff gewann in dieser Runde zwar 15 weitere Stimmen, verfehlte damit allerdings noch immer die Marke der absoluten Mehrheit und den Einzug ins neue Amt. Der SPD- und Grünen Kandidat Gauck verlor neun Stimmen und rutschte damit auf 490 Stimmen.

Zum dritten Wahlgang wurde es noch einmal spannend, denn die Linke zog ihre Kandidatin zurück und gab laut Gregor Gysi die Wahl für die Mitglieder der Linken frei. Dadurch hätte das Blatt gewendet werden können, wenn die Wahlmänner der Linken auf den DDR-Bürgerrechtler Gauck gesetzt hätten. Doch nachdem Gysi in einer Pressekonferenz bekannt gab, dass er davon ausginge, dass sich der Großteil seiner Partei enthalten würde, war für viele das zu erwartende Ergebnis klar.

Nachdem dieser Wahlgang pünktlich zur Primetime um 20.30 Uhr beendet und die Stimmzettel gegen 21 Uhr ausgezählt waren, gab es endlich Gewissheit. Um 21.12 Uhr verkündet Norbert Lammert die endgültigen Ergebnisse. Mit 121 Enthaltungen war es dann offiziell: Christian Wulff erhielt 625 Stimmen und Joachim Gauck 494 Stimmen der Wahlmänner.

Als danach noch bekannt gegeben wurde, das Wulff sein Amt in Niedersachsen bereits niedergelegt und die Wahl angenommen hatte, muss der neue Bundespräsident nur noch die Umzugskartons packen, damit dem Einzug ins Berliner Schloss Bellevue nichts mehr im Wege steht.

30 Juni, 2010 Kommentare deaktiviert für Bundesversammlung wählt Wulff

Diesen Artikel kommentieren:

Aktuelle Print-Ausgabe (NOIR 19)

Nachbarn kann man sich zwar nicht aussuchen, aber man kann ihnen begegnen. Und das tun wir von den unterschiedlichsten Seiten: Wie leben Nachbarn in Andalusien, im Nahen Osten, im Klassenzimmer? Außerdem geht es in der NOIR um Hamster-Missverständnisse, Streber-Opas und plötzlichen Postboten. Ihr lest von den Kriegsnarben in Bosnien-Herzegowina und zwei Studentinnen, die spontan im Westjordanland einen Dokumentarfilm gedreht haben. Besser nicht verpassen.
Viel Spaß beim Lesen! »

Kategorien