Home » Gesellschaft »Gesellschaft » Aktuell am lesen:

Die Schulhof-Flüsterer

von Susan Djahangard, Sophie Rebmann und Andreas Spengler

Jugendlich, auflagenstark und erfolgsverwöhnt: Yaez und Spiesser scheinen die Hoffnungssterne am Zeitungshimmel zu sein. Doch ein Blick hinter die Kulissen zeigt, wie sehr die beiden Jugendzeitungen auf Kommerz setzen, journalistische Normen verletzen und die jungen Leser mit versteckter Werbung manipulieren

Seite für Seite blättert Guido Zurstiege durch die Jugendzeitung Spiesser. Er runzelt die Stirn, blättert zurück, dann heftet er den Blick auf eine bestimmte Seite: Spiesser-Betriebsbesichtigung steht dort im Titel. Daneben prangt das blaue Logo der Deutschen Flugsicherung. Sein Blick wandert in die Ecke der Seite. Dorthin wo der Hinweis stehen sollte. Aber es steht dort kein Hinweis. Kein „Anzeige“, kein „Werbung“, kein „Sonderveröffentlichung“.

Guido Zurstiege erforscht seit 15 Jahren die Werbung. Der Medienwissenschaftler lehrte in Berlin und Wien und ist seit letztem Herbst an der Universität Tübingen.

Jetzt sitzt er in seinem Büro, im schwarzen Sakko und weißem Hemd, und findet scharfe Worte für das, was er vor sich sieht: „Das sind Medienangebote, in denen sehr deutlich gegen die geltenden Normen der Trennung von Werbung und redaktionellem Inhalt verstoßen wird, und zwar nicht aus Zufall, sondern mit einem gewissen Kalkül.“ Vor ihm liegen zwei der größten Jugendzeitungen Deutschlands, Yaez und der Spiesser.

Vor 15 Jahren wurde der Spiesser als Schülerzeitung gegründet. Was danach folgte, bezeichnete das Deutschlandradio als „ostdeutsche Medienerfolgsgeschichte“; Die Auflage des Spiessers explodierte von 5.000 Exemplaren in Dresden (1994) auf 330.000 (2006) in ganz Ostdeutschland.

Warm anziehen, Dr. Sommer!

Heute erscheint der Spiesser bundesweit sechs Mal im Jahr mit einer Auflage von 800.000. Zum Vergleich: Die Bravo erscheint wöchentlich mit nur 490.000 Exemplaren. „Warm anziehen, Dr. Sommer!“, schrieb da der Spiegel schon im Juni 2005.

Dabei sind die Konzepte von Spiesser und Bravo grundlegend verschieden: Spiesser liegt kostenlos an Schulen, Kinos und Jugendhäusern aus. Statt Dr. Sommers Liebestipps finden die Leser hier Tipps zu Ausbildungsplätzen, zu Stiftungen oder Beiträge über die Faszination von Naturwissenschaften.

Stars kommen im Spiesser nur in einer Serie vor, der Vertretungsstunde, für die ein Prominenter einen Tag als Aushilfslehrer an eine Schule geht. Und der Spiesser hat noch ein anderes Rezept, das ihn einzigartig macht: Die Autoren sind fast alle Jugendliche. Über 270 sind es in ganz Deutschland.

Die Nähe zur Zielgruppe, die riesige Auflage und die braven Inhalte – das ergibt einen attraktiven Mix für Sponsoren und Förderer. Für die bietet Spiesser besonders kreative Werbe-Möglichkeiten: Anzeigen, Sonderbeilagen, Advertorials (Anzeigen in der Gestalt von Artikeln) und eben jene Betriebsbesichtigung.

„Stellen Sie Ihr Unternehmen vor. Bewerben Sie sich bei Ihren zukünftigen Mitarbeitern!“, preist der Spiesser seinen Werbekunden die Betriebsbesichtigung an. Jugendliche können hier über mehrere Tage ein Unternehmen besichtigen, Bahntickets, Übernachtung und Verpflegung gratis. An die Unternehmen schreibt der Spiesser: „Ihre Vorteile: Gezielte Ansprache interessierter Jugendlicher und potenzieller Bewerber; Umgebung für Kontaktanbahnung und ideale Rekrutierungsmöglichkeiten durch persönliche Gespräche mit den Jugendlichen.“

21 Juni, 2010 2 Kommentare

Aktuell gibt es "2 Kommentare" für diesen Artikel:

  1. Kiwi sagt:

    Genialer Artikel! Kann man gar nicht oft genug sagen ;)

  2. spiesser sagt:

    Hallo NOIR,

    weil man in Zeiten des Web 2.0 ja nicht alles unkommentiert stehen lassen sollte, hier ein paar bemerkenswerte Hintergründe zur Entstehungsgeschichte des Artikels.

    Bei der Recherche und Erarbeitung des Artikels wurde schliesslich eine ganze Latte journalistischer Grundregeln verletzt. Und dies ausgerechnet von Autoren, die mit Fingern auf andere zeigen, und deren angebliche journalistische Verfehlungen in den Mittelpunkt stellen.

    Wir nennen nur ein paar Beispiele aus der Perspektive von SPIESSER:

    1. Mitarbeiter und Autoren von SPIESSER, darunter viele Jugendliche, wurden telefonisch aufgefordert sich möglichst in negativer Form und anonym über SPIESSER zu äußern. Hierzu gibt es logischerweise mehrere voneinander unabhängige Zeugen.

    Hierzu sagt der Pressekodex:
    “Bei der Recherche dürfen keine unlauteren Methoden angewandt werden.”

    2. Wir als Beschuldigte, wurden von den Autoren des Beitrages nur mit einem wirklich kleinen Bruchteil der im Artikel erhobenen Vorwürfe konfrontiert, es wurde uns auf die allermeisten Dinge keinerlei Möglichkeit einer Äußerung oder Stellungnahme eingeräumt. Und das trotz eines längeren Interviews.

    Übrigens: Das Interview gibt es in digitaler Form und kann gern abgeglichen werden. Nachfragen der Autoren zu den allermeisten Vorwürfen des Artikels, geschweige denn Antworten der Interviewten wird man nicht finden.

    Hierzu steht im Schülerzeitungshandbuch der Jugendpresse:

    „Man muss auch den Beschuldigten befragen und seine Stellungnahme in den Bericht aufnehmen.“

    Oder auch: “Bei Konflikten sind stets die Positionen beider Seiten darzustellen“

    3. Die für die Kritik an SPIESSER als Quellen herangezogenen etwa 5 Personen wurden nicht oder nur oberflächlich auf ihre möglichen persönlichen Verstrickungen oder Interessen hinsichtlich SPIESSER geprüft.

    Hier gibt es die Regel:
    „Bei jeder Recherche sollte man sich vergegenwärtigen, wer Informationen zur Verfügung stellt und mit welchem Interesse.“

    4. Die Interpretation der kritisierten Dinge wurde jeweils einer der oben bereits erwähnten 5 Personen überlassen.

    Dazu steht im Schülerzeitungshandbuch der Jugendpresse:

    „Texte, die sich nur auf eine einzige Quelle stützen, sind tabu.“

    Oder auch anders formuliert:

    “Eine Quelle allein ergibt keine Nachricht. Für eine Nachricht braucht es mindestens zwei voneinander unabhängige Quellen.“

    Mit diesem Hinweisen wollen wir es erstmal bewenden lassen. Wir haben bereits während der Recherche die Autoren, insbesondere Andreas Spengler, darauf hingewiesen, dass sie hier grob fahrlässig handeln.

    Zu den Verfehlungen im Rahmen dieser journalistischen Arbeit, inbesondere der Recherche, hat sich noch kein Verantwortlicher der Jugendpresse Baden-Würtemberg zu Wort gemeldet. Traurig dass eine derartige Vorgehensweise in einem Verband für Nachwuchsjournalisten offenbar toleriert wird. Offensichtlich nur um eine derartige Krawall-Story auf Kosten Anderer zu bekommen.

    Die Sache bekommt vor dem Hintergrund noch ein besonderes Geschmäckle, nämlich das sich die Zeitschrift NOIR und damit auch die Jugendpresse BW offenbar als ein Wettbewerber von SPIESSER begreift (Quelle hierzu die von der Jugendpresse BW losgetretene juristische Auseinandersetzung mit SPIESSER).

    Damit kann NOIR und der Jugendpresse BW getrost jedes Interesse an einer objektiven Darstellung abgesprochen werden.

    Für eine gute journalistische Arbeit spricht eine derartige Arbeitsweise und Vermengung von Interessen jedenfalls nicht.

    Für die Jugendpresse BW ist und bleibt der Artikel ein Armutszeugnis.

    Beste Grüße
    SPIESSER-die Jugendzeitschrift

Diesen Artikel kommentieren:

Aktuelle Print-Ausgabe (NOIR 19)

Nachbarn kann man sich zwar nicht aussuchen, aber man kann ihnen begegnen. Und das tun wir von den unterschiedlichsten Seiten: Wie leben Nachbarn in Andalusien, im Nahen Osten, im Klassenzimmer? Außerdem geht es in der NOIR um Hamster-Missverständnisse, Streber-Opas und plötzlichen Postboten. Ihr lest von den Kriegsnarben in Bosnien-Herzegowina und zwei Studentinnen, die spontan im Westjordanland einen Dokumentarfilm gedreht haben. Besser nicht verpassen.
Viel Spaß beim Lesen! »

Kategorien