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Eine Liebeserklärung an den Techno

von Jessica Christian

300 Seiten. 300 Vorleser. 300 Videos. Die Idee ist so simpel wie ungewöhnlich: Rainer Schmidt hat sein neuestes Buch „Liebestänze“ als Video-Fortsetzungsroman ins Internet gestellt. 300 Leute lesen jeweils eine Seite vor, das Gesamtwerk kann man auf MySpace oder auf www.liebestaenze.de bestaunen.

Sein Werk, eine Hommage an die Technoszene in den 90ern, lässt er von vielen bekannten Gesichtern aus der Raver-Szene vorlesen. Unter anderem dem Erfinder der Love Parade, Dr. Motte oder dem DJ Paul van Dyk, ein enger Freund des Autors, der diesen auf die Idee für den Plot brachte. Schmidt gibt dem Best Global DJ, wie Paul van Dyk 2006 von der Miami Winter Music Conference geehrt wurde,  häufig seine Buchmanuskripte zum Lesen und Kritisieren. „Im letzten Buch kamen der Held und seine große Liebe nicht zusammen. Das hat Paul so aufgeregt, dass ich keine Wahl hatte: Meine neuer Roman über die Techno-Szene in der Post-Mauer-Ära muss anders enden“, so Schmidt.

Felix, derselbe Protagonist wie in Schmidts Erstlingswerk „Wie lange noch“, versucht seinem tristen Leben als Banker zu entfliehen und wirft sich in das berauschende Nachtleben Berlins. Dabei trifft er Karla wieder, eine alte Liebe, die für ihn bisher unerreichbar blieb. Felix folgt seiner Angebeteten in die Untiefen der Nacht, tanzt bis zum Morgengrauen und löst sich immer mehr von seinem alten Leben. Mit einem bemerkenswerten Sprachreichtum schafft es Schmidt Worte für das eigentlich Unbeschreibliche zu finden – das Pulsieren des Beats, die magische Verbindung zwischen den Tänzern, das Gefühl eine Familie zu sein. „Sie waren Teil diese Kunstwerks, das man nie reproduzieren, nie dokumentieren, sondern nur miterleben konnte, das Kunstwerk, das nur in diesem Moment mit dem DJ und den vielen anderen genau hier entstand, in dieser Sekunde, mit diesem Licht, diesen Gerüchen, jeder spielte seinen Part, mit seiner Stimmung, die der DJ aufgriff und verstärkte, keiner kam ohne den anderen aus, Moment-Kunst, immer einzigartig, in unendlichen Varianten erfahrbar“, schreibt Schmidt. In den buntesten Farben erzählt er vom Drogenrausch – das Ecstasy gehört zur Szene wie die Musik. Immer wieder werden die Unstimmigkeiten in der Szene zwischen den Zeilen angesprochen. Am Streit über die Ursprünge des Technos, die Teilung in einzelne Lager oder an der Berichterstattung der Journalisten, welche die Love Parade als Kommerz beschreien. Dabei soll es doch vor allen Dingen um eines gehen: die Suche nach Liebe.

19 Juni, 2010 Kein Kommentar

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