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Handicap

von Stefan Franke

Prolog

„Handicap“ erzählt von der Zeit meines Zivildienstes in der Pestalozzischule Fulda.

Ein Jahr mit behinderten Menschen zwischen 6 und 18 Jahren – neue Eindrücke und Erfahrungen mit emotionaler Tiefe. In 20 Fotografien geht es dabei um viel mehr als nur um eine reine Zeit. Im Vordergrund stehen gesellschaftliche Fragen. Wie sehen wir Menschen mit Behinderungen? Wie nehmen wir sie auf und ist Integration noch das richtige Wort? Mit bewegenden Bildern aus dem Alltag, stillen Zeitzeugen und tiefgründigen Portraits der Kinder gehe ich auf eine Reise durch unsere Gesellschaft, unsere Empfindungen und Gefühle. Emotionen, die geprägt sind von Persönlichkeiten, behinderten Menschen, nicht behinderten Menschen und die damit verbundenen Barrieren. Die Bilder sollen bewegen, berühren und zum Dialog auffordern, Unsicherheiten beseitigen, Menschen mit und ohne Behinderung zusammenbringen und gesellschaftliche Offenheit fordern.

Isolation

Altay Uyar, 18 Jahre - Foto: Stefan Franke

Altay Uyar, 18 Jahre, ein junger Mann. Er besucht das zehnte Schuljahr in der Pestalozzischule Fulda. Auf mich wirkt Altay Uyar äußerst offen, freundlich und hilfsbereit. In meiner Zeit an der Schule habe ich seine geistige Schwäche nicht gesehen. Ich sehe einen Menschen mit Zukunft. Was siehst Du?
Wir sehen nur das, was wir wirklich erkennen wollen. In unserer Gesellschaft herrscht ein großer Drang nach Verbindungen – wir suchen unsere Netzwerke und sehen dabei aus, als stünden wir in einem langen dunklen Tunnel. Netzwerke, um gesellschaftlich am Ball zu bleiben. Dabei ist jedes Mittel recht.
Unbemerkt entscheiden wir, wir teilen, wir trennen – wir isolieren. Menschen mit Behinderungen sind oft die ersten, die das spüren. Leistungen, Mobilität, gesellschaftlicher Druck und Idealvorstellungen sind Gründe dafür. Was wir tun: Wir schaffen Raum. Viel Raum – zwischen uns und Menschen mit merklichen Einschränkungen. So als sei ein Zaun zwischen Himmel und Erde.
Was wir brauchen sind Wolken, die uns tragen. Wolken, die als Vermittler dienen, um zu lernen, auf unsere behinderten Mitmenschen zu zugehen.
Hast Du Deine Wolke gefunden?

Ich bin ich

Das kleine Ich bin Ich - Foto: Stefan Franke

„Wer nicht weiß, wie er heißt, wer vergisst, wer er ist, der ist dumm, bumm.“ Dieser Satz ging mir sofort ins Gedächtnis über, als ich das „kleine Ich bin Ich“ das erste Mal hörte. Eine Geschichte für Kinder – nicht nur für Kinder.
Als die Autorin „Mira Lobe“ 1992 das Kinderbuch „Das kleine Ich bin Ich“ schrieb, schuf sie etwas Zeitloses. Ein Buch, das vor allem Kinder begeistert, darüber hinaus aber viel mehr bedeutet. Das Thema der „Ich-Findung“ – der Persönlichkeitsfindung und Entdeckung der eigenen Fähigkeiten, Interessen und Talente durchlaufen wir alle. Beginnend im Kindesalter, in dem jeder Junge Feuerwehrmann werden will – in der Pubertät, in der wir beginnen, selbst zu handeln und im Erwachsenenalter, indem wir uns oft neu orientieren, finden und sogar neu erfinden. Die eingeschränkte Wahrnehmung, die körperlichen Einschränkungen und sozialen Einengungen machen eine „Ich-Findung“ für behinderte Menschen umso schwieriger. Es ist wichtig, dass wir ihnen helfen: Helfen sich zu orientieren und vor allem ihren eigenen Persönlichkeitswert betonen. Denn „Du bist du! Und wer das nicht weiss, ist dumm, bumm!“
Und – kennst Du die Geschichte vom kleinen „Ich bin Ich“?

Sportlichkeit

Dominik Berkowski, 17 Jahre - Foto: Stefan Franke

Dominik Berkowski ist 17 Jahre, sitzt im Rollstuhl und kann nicht laufen. Ich habe mit Dominik viel Zeit verbracht und bin berührt von seiner Persönlichkeit – er strahlt eine unglaubliche Lebensaktivität aus, ist sprachgewandt, aufmerksam und immer für einen Witz zu haben.
Wir sind alle Basketballspieler. Wir passen uns die Bälle zu und versuchen stets den Korb zu treffen. In der Hoffnung, das Richtige zu tun, vergessen wir den Ball zu passen und auf unsere Mitspieler zu achten.
Die Sportlichkeit ist nicht immer die, die man zunächst erwartet. Wir erwarten Schnelligkeit, effiziente Lösungen und treffsichere Ergebnisse. Dinge, denen viele behinderte Menschen nicht gewachsen sind. Die wahre Sportlichkeit ist jedoch innere Stärke – stark sind jeden Tag die Menschen, denen Beine zum Laufen fehlen, Licht zum Sehen oder Schall zum Hören – sei es von Geburt an oder im Leben genommen.
Wie in einem Basketballspiel laufen die Menschen unserer Gesellschaft hin und her und verfehlen auch manchmal den Korb.
Und wann beginnst Du den Ball abzuspielen?

Kirmes

Mehr als ein Fest - Foto: Stefan Franke

Jedes Jahr feiert die Pestalozzischule die Kirmes. So richtig. Es gibt ein Prinzenpaar, Paare, studierte Tänze und einen Kirmesbaum. Ich war verblüfft, alle hatten enormen Spaß – ich habe bisher keine bessere Kirmes erlebt.
Ursprünglich ist die Kirmes das Fest der Kirchenweihe. Wurde eine Kirche eingeweiht, gab es ein großes Fest. Heute ist die Kirmes vor allem in ländlichen Gegenden ein Dorffest. Ein Fest mit jährlich festem Ablauf – einer Tradition.
Die Teilnahme an Traditionen ist ein Schritt zu mehr Gemeinschaft. Menschen mit Einschränkungen brauchen Impulse – Impulse durch gemeinschaftliche Aktivitäten. Das, was die Gemeinschaft dadurch gewinnt, ist mehr als ein Lächeln.
Wie war Deine letzte Kirmes?

Logik

Tiffany John, 14 Jahre - Foto: Stefan Franke

Tiffany John ist 14 Jahre und wirkte auf mich stets aktiv, redselig und äußerst aufgeweckt. Tiffany war vom ersten Tag an ein Mädchen, das ohne Unsicherheiten auf mich zuging. Ich war überrascht. Ihre körperlichen und geistigen Einschränkungen unterliegen ihrer Offenheit – mit der sie jedes Herz gewinnt. Interessant war ihre überraschende Intelligenz, die sie prägt – und mich ebenfalls geprägt hat.
Was möglich ist und was nicht möglich ist entzieht sich oft unserer Logik. In unserer Gesellschaft herrscht eine Logik, die glaubt, dass es Dinge gibt, die scheinbar nicht lösbar sind. Behinderte Menschen sehen in Logik nicht, was wir in ihr sehen. Sie probieren, sind mutig und haben keine Angst zu scheitern. Sie sind unvoreingenommen. Keiner kann aus hunderten Bällen drei aufeinander stellen und diese mit einer Gelassenheit tragen, die erschreckend wirkt. Wissenschaftlich unmöglich – sicher? In uns steckt mehr als unsere Logik glaubt, auch in behinderten Menschen steckt mehr. Ihre Welt ist getragen von kleinen Strukturen und bekannten Abläufen – jedoch in einer Weise, die sich uns entzieht. Es ist, als wäre jeder Ball ein Zeichen, als wolle jeder Ball von unserer Gesellschaft aufgenommen werden, um aufeinander gelegt zu werden, damit wir erkennen, dass wir zu viel mehr in der Lage sind. Beginnen wir also, ihre Strukturen und Abläufe nachzuvollziehen und sie nicht zu unterschätzen, beginnen wir, auf sie zu zugehen.
Wann willst Du versuchen, drei Bälle aufeinander zu legen?

Klasssenfahrt

gemeinsame Zeit - Foto: Stefan Franke

Die Klassenfahrt war ein Höhepunkt des Jahres. Mit der Klasse, die ich betreute, waren wir in Fladungen in der Rhön. Tage, die die Gelegenheit boten, die Menschen näher kennen zu lernen. Gemeinsame Aktivitäten, gemeinsames Essen und gemeinsames Lachen war eine Zeit neuer Eindrücke.
Gemeinsam Zeit zu verbringen bietet die eine oder andere Überraschung.
Klassenfahrten sind verknüpft mit den verschiedensten Erinnerungen und Erwartungen. Ein Ort, der neu ist, ein Ablauf, der neu ist und Menschen, die neu erscheinen. Einander kennen lernen und zusammen Spaß haben. Innerhalb der Schule ist das für behinderte Menschen wichtig. Sie erfahren Neues und erweitern ihren Erfahrungsschatz – aber vor allem darüber hinaus ist das wichtig. Wir müssen lernen, behinderten Menschen Überraschungen zu geben, denn dann bekommen wir vielleicht auch eine Überraschung.
Erinnerst Du Dich an Deine letzte Klassenfahrt?

Fähigkeit

Manuel Höhl, 17 Jahre - Foto: Stefan Franke

Manuel Höhl ist 17 Jahre alt und geht in der Klasse, die ich betreute. Er selbst nennt sich gern „Meister Höhl“ – nicht übertrieben. Jedoch spiegelt genau das sein Wesen wieder. Ich habe ihn als aufgeweckten, intelligenten und äußerst hilfreichen Menschen kennen gelernt. Seine Fähigkeit zu rechnen, Aufgabenstellungen experimentell zu lösen und das große Interesse daran lassen seine geistigen und körperlichen Schwächen nichtig wirken.
Was auf uns wie wirkt ist von unserem Standpunkt und den Erwartungen daran abhängig. Jeden Tag gibt es Dinge, denen wir uns nicht gewachsen fühlen – oder deren Erwartungen wir nicht erfüllen zu denken. Behinderte Menschen haben oft kein Bewusstsein für die gestellten Erwartungen – sie sind frei und haben so die Fähigkeit, Dinge auf erfrischende und überraschende Art und Weise an zu gehen. Ob im Handwerk, in der Wissenschaft, in der Wirtschaft oder in der Kunst – die Fähigkeit, Dinge ohne Erwartungen und aus anderer Perspektive an zu gehen, bringt vielleicht nicht geglaubtes zu Tage. Menschen mit Einschränkungen besitzen Etwas, was wir zu schnell verlieren – die besondere Fähigkeit, Aufgaben mit einem gewissen Charme und Leichtigkeit in Angriff zu nehmen.
Warum ist Deine letzte gescheiterte Aufgabe gescheitert?

Morgenkreis

Ein Kreis der verbindet - Foto: Stefan Franke

Ich muss zugeben, Singen ist nicht meine Stärke. Im wöchentlich wiederkehrenden Morgenkreis ist Singen jedoch das Elementarste. Ein Klavier und eine Gitarre sind die Instrumente. Mehr würde man auch nicht hören, denn die Kinder singen mit und haben Spaß. Da kann’s auch mal laut werden.
Ein Kreis besteht aus vielen einzelnen Punkten. Jeder Punkt reiht sich an den anderen, fällt einer weg, fällt der Kreis zusammen. Menschen mit Behinderungen brauchen viele Punkte und Kreise – nicht nur unter sich. Musik, Bewegung und Rituale helfen dabei, ein Mitglied des Kreises zu werden. Auch wir können ein Mitglied werden, wir müssen nur anfangen, uns in die richtige Richtung zu bewegen.
Und wo läufst Du hin?

Selbstbewusstsein

Patrick Dimmerling, 16 Jahre - Foto: Stefan Franke

Patrick Dimmerling ist 16 Jahre und wirkte auf mich sehr aufgeweckt, intelligent, gelassen, ruhig und keineswegs behindert. Patrick besitzt die Eigenschaft, sich auf eine Aufgabe konzentrieren zu können – er puzzelt sehr gern. Er tut das mit einer großen Portion Selbstbewusstsein – Patrick hat die visuelle Stärke und das Gedächtnis um hunderte von Puzzleteilen klar zuordnen zu können.
Das Bewusstsein seiner selbst bestimmt unsere Handlungen. Unsere Handlungen sind also davon abhängig. Ein Puzzle ist wie ein Pool aus hunderten Aufgaben, Identitäten, Bestimmungen, Zielen und Gefühlen. Aus hunderten Teilen die zueinander gehörigen zu finden, benötigt Konzentration und das Bewusstsein daran. In unserer Gesellschaft werden Aufgaben, Ziele und Menschen über ihr Bewusstsein daran definiert. Behinderte Menschen haben oft ein eingeschränktes Selbstbewusstsein – auf dem Weg der Selbstfindung fehlt es an Anerkennung, Identifikation und Integration. Als würden wir Menschen mit Einschränkungen eine Maske aufsetzen, die ihnen das Finden seiner selbst unnötig erschwert. Wir müssen beginnen, zu wertschätzen – wir müssen beginnen das Puzzle zu puzzeln.
Wann hast Du das letzte mal gepuzzelt?

Dienstag

Ein Tag in der Woche - Foto: Stefan Franke

Der Dienstag ist mein Lieblingstag. Der zweite Tag in der Woche beginnt mit dem Frühstück. Wir sitzen zusammen und essen, reden und lachen. Anschließend schwimmen wir.
Schwimmen ist der größte Teil des Dienstages. Ich merke die Nähe zu den Kindern – das Wasser bringt Freude. Danach wird gebastelt, Großes, Kleines und Lustiges.
Sieben Tage hat die Woche, jeder Tag hat 24 Stunden und jeder Tag bringt ein Stück mehr Struktur. Jeder Tag ist aufregend und bietet neue Chancen für Menschen mit Behinderungen. Eine wiederkehrende Struktur bietet dabei die nötige Sicherheit. Das, was für „Normale“ so normal ist, ist für viele Menschen mit Einschränkungen etwas Großes und Neues. Jeder Tag ist ein neuer, aufregender Tag mit bunten Sachen – kleinen und großen Herausforderungen. Wie beim Basteln können Dinge entstehen, die so spannend sind wie ein Tisch voll mit Bildern.
Wann hast Du das letzte mal gebastelt?

Freude

Benedikt Reck, 14 Jahre - Foto: Stefan Franke

Benedikt Reck ist 14 Jahre und hat das Down-Syndrom. Benedikt wirkte auf mich mit einem gewissen Charme und einer intensiven Lebensfreude. Seine geistigen Schwächen wirken klein – so klein, dass ich überrascht bin von seiner Fähigkeit, Menschen ein Lächeln zu schenken.
Wenn das Herz lacht und der Körper vor Aufregung nicht still sitzen kann, dann zeigt sich die zwischenmenschliche Nähe – die Verbindung, die uns mitreißt und uns ebenso erfüllt. Dieses Gefühl gibt es viel zu selten in unserer heutigen Gesellschaft. Schneller, höher und weiter – das Motto, das kaum Zeit lässt für zwischenmenschliche Verbindungen.
Menschen mit Behinderungen haben eine Gabe. Eine Gabe, dieses Gefühl und diese Verbindung zu zeigen. Wie ein bunter Farbtopf, der die prächtigsten Farben zu Vorschein bringt, wenn man ihn anlächelt. Lassen wir uns darauf ein und nehmen uns die Zeit, gewinnen wir mehr Sensibilität im Umgang mit uns und unseren behinderten Mitmenschen.
Wem hast Du das letzte Mal zugelächelt?

Sport

Mit Bewegung empfinden - Foto: Stefan Franke

Der Sportunterricht beginnt mit dem Aufbau verschiedener Stationen. Jede Station gleicht einem Spielplatz zum Erforschen und Erleben – mehr als das – Klettern, das Gleichgewicht trainieren und Grenzen erfahren. Ich spiele Fußball, Völkerball, Handball und Basketball mit den Kindern. Schwitzen bleibt nicht aus. Nicht alle Kinder können das, viele Kinder gewinnen durch Bewegung neue Empfindungen. Und nicht nur die Kinder, auch ich gewinne neue Empfindungen.
Für behinderte Menschen ist Sport nicht gleich Sport. Es ist mehr, als den Körper fit zu halten, das Herz zu spüren und das Gewissen zu befriedigen. Sport ist Empfinden – gerade für Menschen, deren Wahrnehmungsapparat eingeschränkt ist. Im alltäglichen Leben vergessen wir, dass es unsere Sinne sind, die uns das Leben spüren lassen. Wenn wir vergessen, uns selbst zu spüren, vergessen wir auch andere spüren zu lassen. In unserer Gesellschaft herrscht eine fast schon sterile Art zu empfinden. Wir brauchen Schwung, wie ein Ball, der nach oben springt und sich bewegt, um zu empfinden – damit wir empfinden können.
Sport ist Bewegung, das ist für alle gleich, – oder?

Geist

Timothy Wright, 15 Jahre - Foto: Stefan Franke

Timothy Wright ist 15 Jahre alt und in der Klasse, die ich betreute. Für mich ist Timothy das faszinierendste, interessanteste und zugleich komplexeste Kind. Seine geistige und leicht körperliche Behinderung fällt zunächst nicht sofort auf. Und doch scheint sein Geist eine ganz andere Richtung zu gehen. Timothy ist für mich eines der Kinder, das man unweigerlich auf eine ganz besondere Art und Weise mag.
Der Geist ist vergleichbar mit einer großen Fata Morgana in der Wüste. Er kann alles sein, sich alles vorstellen, alles erlebbar scheinen lassen – und doch ist er nichts weiter als ein magischer Bio-Chemiecocktail in unserem Gehirn. Denken, fühlen, erinnern, entscheiden, bewerten, kontrollieren, beobachten, konzentrieren und planen machen ihn aus. Geistig behinderte Menschen unterschreiten eine messbare Intelligenzgrenze und werden in vier Stufen unterschieden: leichte, mittelschwere, schwere und schwerste geistige Behinderung. Jeder dieser Menschen ist dabei so einzigartig im Verhalten, dass es schwer fällt, sie richtig einzuschätzen und auf sie zu zugehen. Es braucht Zeit. Zeit, die wir uns nehmen sollten – denn der Gewinn ist eine schätzbare Fülle an Eindrücken, die prägend sind und den eigenen Geist erweitern – vielleicht sogar den Geist einer ganzen Gesellschaft.
Wann hast Du das letzte mal eine Fata Morgana gesehen?

Wasser

Ein besonderes Medium - Foto: Stefan Franke

Die Pestalozzischule ist im Besitz eines eigenen kleinen Schwimmbades. Jeden Dienstag war Schwimmen der Hauptbestandteil des Tages. Kein anderes Medium, in der Zeit, die ich in der Schule verbrachte, hatte eine solch große und magische Anziehungskraft. Das Schwimmen bringt eine ungeheuer große Freude hervor – auch bei mir selbst.
Wasser ist das wichtigste und elementarste Element für das Leben. Wasser ermöglicht dabei nicht nur die lebenswichtige Atmung jeder einzelnen Zelle in unserem Körper, es geht darüber hinaus. Vom Wasser geht etwas Magisches aus – etwas, was wir nicht begreifen können. Umso wichtiger ist es, es zu fühlen und zu empfinden. Behinderte Menschen werden vom Wasser besonders angezogen. Im Wasser können sie eine neue Körperempfindung erfahren – gerade Behinderte mit körperlichen Einschränkungen und geistigen Defiziten fühlen sich im Wasser besonders wohl.
Wann warst Du das letzte Mal im Wasser?

Barrieren

Victoria Keppler, 15 Jahre - Foto: Stefan Franke

Victoria Keppler ist 15 Jahre alt und hatte auf mich eine besondere Wirkung. Ihre zunächst zurückhaltende Art löste mein Interesse aus. Victoria hat Trisomie 21, besser bekannt als das „Down-Syndrom“. Alle meine Unsicherheiten löste sie durch Ihre offene, freundliche und emotionale Weise, auf Mitmenschen zu zugehen. Ich sehe ein junges Mädchen mit Zukunft. Was siehst Du?
Wie in einem Treibhaus, umgeben von Glas, ohne Tür, erdrückend vor Hitze, muss es sich anfühlen, wenn man nicht weiß, wie man herauskommt, ohne das Glas zu zerstören. Es gibt eine Barriere in uns – eine Barriere, die den Zugang zu Menschen mit sichtlichen Behinderungen erschwert. Ist es das Gefühl? Die Tatsache? Der Unterschied zwischen den Behinderten und normal entwickelten? Das Down-Syndrom ist eine weit verbreitete Form der Behinderung. Das Gen 21 liegt dabei dreifach vor und löst so die zum einen typische Gesichtsform aus und zum anderen unterschiedliche Defizite im Denken, Sprechen, Empfinden, Bewegen und Kommunizieren. Menschen mit Down-Syndrom haben eine positive Zukunft in unserer Gesellschaft – und doch gibt es Barrieren. Ängste, Unwissen, soziale und wirtschaftliche Probleme können die Ursache sein.
Wir müssen uns nur trauen, diese tief in uns befindlichen Unsicherheiten abzulegen und einmal einen Schritt in Richtung Tür zu gehen. Einen Schritt, der viel bedeutet. Wann hast Du das letzte mal eine verschlossen geglaubte Tür geöffnet?

Entspannung

Durch Snoezelen wahrnehmen und entspannen - Foto: Stefan Franke

In der Pestalozzischule gibt es einen ganz besonderen Raum. Einen Raum mit einem Wasserbett, verschiedenen Sitz- und Liegemöglichkeiten, Lichteffekten, Lichtsäulen und einer Musikanlage. Ich liebte diesen Raum.
Wenn das Licht aus geht, die Musik angeht und man sich auf das Wasserbett legt – beginnt eine Reise in eine neue Welt. Das Snoezelen wurde 1978 von zwei Zivildienstleistenden in den Niederlanden erfunden. Aus den Wörtern „snuffelen“ (schnüffeln, schnuppern) und „doezelen“ (dösen, schlummern) erfanden sie das Snoezelen. Heute wird das Snoezelen in allen Bereichen angewandt – jedoch hat es für behinderte Menschen eine ganz besonderen Zweck: Musik, Licht, Ruhe und Entspannung geben ein starkes Selbstempfinden. Als wären sie in einem Traum versetzt, fühlen behinderte Menschen neue Dinge so intensiv und konzentriert, wie sonst nie.
Hast Du schon einmal gesnoezelt?

Integration

Firat Urüc, 14 Jahre - Foto: Stefan Franke

Firat Urüc ist 14 Jahre und wirkte auf mich freundlich und hilfsbereit – zu jeder Zeit. Seine Lernschwäche fiel mir nicht gleich auf, da er kommunikativ ist und stetig einen sozial integrierten Eindruck vermittelte. Viel mehr ist Firat’s Persönlichkeit bestimmt durch seine scheinbare Coolness und Lockerheit.
Integration geht davon aus, dass bereits eine Ausgrenzung stattgefunden hat und nun wieder ein Eingliederungsprozess beginnt. In unserer Gesellschaft herrschen Ausgrenzungssysteme, die von vornherein eine spätere Integration bedeuten. Zurück zu finden ist schwieriger als von Beginn an dazu zu gehören. Es ist wie am Ende eines Waldes zu stehen – einen Weg zu sehen – ihn aber nicht gehen zu können. Unser Schulsystem ist als ein System maßgeblich daran beteiligt. Wir produzieren gesellschaftliche Ausgrenzung, indem wir stark differenzieren. Behinderte Menschen sind davon stark betroffen, ihr Schonraum, ihre Anzahl, die eine gewisse Nachfrage darstellt, die Etikettierung mit dem Merkmal „behindert“ beziehungsweise „lernbehindert“, „intelligenzschwach“ und „geistig behindert“ sind treibende Gründe für die stattfindende Ausgrenzung. Ist Integration als ein fundamentaler Vorgang die beste langfristige Lösung?
Wir sollten beginnen, einen Weg aus dem Wald zu finden, den wir gehen können und zwar von Anfang an – eine gesellschaftliche Inklusion muss unser Ziel sein. Behinderte Menschen sollten sich nicht uns anpassen müssen, sondern wir uns ihnen.
Standest Du schon mal allein an einem Waldweg und wusstest nicht, wohin?

Jahreszeiten

Die Jahresuhr steht niemals still - Foto: Stefan Franke

„Januar, Februar, März, April, […] die Jahresuhr steht niemals still“. Ein Lied, das ich in den neun Monaten Zivildienst oft gehört hab. Es erinnert mich an meine eigene Zeit im Kindergarten – eine Zeit voller Erfüllung und Freude. Der Wechsel vom Sommer in den Herbst – in den Winter und zum Frühling ist faszinierend. Ich erlebte das Schulfest im Sommer, das Fallen der Blätter auf den Pausenhof, die Schlittenfahrten mit den Kindern und das Erwachen des Frühlings, auch in den Gesichtern der Menschen.
Wir stehen nie still, egal zu welcher Jahreszeit. Egal was passiert, ein Wechsel ist immer möglich. Wir reagieren auf tägliche Ereignisse, lassen uns mitreißen von großen und kleinen Sachen und sind jeden Tag auf’s Neue dabei, uns für eine Jahreszeit zu entscheiden. Fühlen wir den Sommer sind wir heiter, fühlen wir den Winter, spüren wir die Kälte. Behinderte Menschen nehmen unsere Welt anders wahr – und wir ihre. Welche Jahreszeit für diese Menschen ist, ist auch von unserer abhängig. Unser Lebensgefühl überträgt sich, das vergessen wir sehr schnell. Ein Wechsel ist immer möglich – dieser beginnt in unseren Herzen.
Minus zehn Grad sind gar nicht kalt – oder?

Zukunft

Leon Heres, 13 Jahre - Foto: Stefan Franke

Leon Heres ist 13 Jahre alt und hat seiner geistigen Schwäche getrotzt. Ich habe Leon als einen interessierten und vor allem aufgeweckten Jungen erlebt. Leon hat die Zukunft vor sich. Er hat die Vergangenheit genutzt und große Fortschritte gemacht – er ist kommunikativ, aufgeschlossen und scharfsinnig.
Die Zukunft ist ungewiss. Wir leben schnell, innovativ und innerhalb eines komplexen Systems. Dinge, die wir heute tun, können große Auswirkungen auf Morgen haben – oder umso kleinere. Es ist wie in einem Karussell. Platz nehmen und hoffen, dass man nicht rausfliegt. Menschen mit Behinderungen sehen in unserer Gesellschaft einer positiven Zukunft entgegen – doch nicht immer. Soziale, wirtschaftliche und kulturelle Probleme führen zu einer Zukunft der Ungewissheit. Wir müssen rechtzeitig die Bremse ziehen. Anhalten, Lösungen finden und vielleicht sogar neu starten, um das Bestmögliche zu erreichen.
Wann war Deine letzte Karussellfahrt?

Träume

Eintauchen und leben - Foto: Stefan Franke

Die Zeit an der Pestalozzischule ging schnell vorbei. Jeder Tag ein neuer – mal ruhig, mal aufregend. Das besondere sind die Menschen mit ihren Geschichten und Träumen. Auch ich habe Träume.
Wenn wir träumen können, uns Dinge ausmalen und alles Vorstellbare fiktiv real werden lassen können, dann muss es etwas geben, was darüber hinausgeht. Es ist, als tauchen wir in’s Wasser, schließen die Augen und hoffen auf etwas, von dem wir bisher nur träumten. Welche Träume haben Menschen mit geistigen und körperlichen Einschränkungen? Auf was hoffen sie, wenn sie in das Wasser eintauchen – in ihren Traum eintauchen? Unsere Gesellschaft ist voll mit Menschen und Träumen, Wünschen und Zielen – vielleicht sind diese Träume und Ziele schon näher als wir denken. Vielleicht müssen wir nur näher darauf eingehen. Gerade da können Menschen mit Behinderungen ein großer Gewinn sein. Sie verstehen es, für „Normale“ ihre Wünsche und Ziele zu äußern, anfassen zu wollen – erlebbar zu machen. Was wir von ihnen Lernen können, ist Unbefangenheit und der starke Drang das Leben zu leben.
Wann bist Du das letzte mal abgetaucht?

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11 Juni, 2010 Kein Kommentar

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