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Schneller in Paris als in Berlin

von Felix Küster

Der neue Streckenabschnitt des TGV zwischen Paris und Straßburg machts möglich: Von nun an ist man schneller in Paris als in der eigenen Hauptstadt

Zur Eröffnung am 16. März ließen es die Franzosen gehörig krachen: Binnen weniger Minuten zündeten entlang der 300 Kilometer langen Strecke tausende Feuerwerkskörper. Ein Lichtband breitete sich mit 5400 Stundenkilometern aus. Anfang April stellte der von Alstom gefertigte TGV V150 mit 575 Stundenkilometern den neuen Weltrekord auf. Ebenfalls rekordverdächtig: Diese Fahrt kostete 30 Millionen Euro.

Der deutsche, von Siemens gebaute ICE darf künftig das französische Schienennetz befahren. Die deutsch-französische Betreibergesellschaft, die gemeinsam von SNCF und der Deutschen Bahn gegründet wurde, wird den ICE auf der Strecke Frankfurt- Paris und gleichzeitig den TGV auf der Strecke Stuttgart-Paris einsetzen.

Mit der Ausstattung der Züge setzt man hohe Maßstäbe: Der französische Designer Christian Lacroix gestaltete das Interieur. SNCF-Präsidentin Anne-Marie Idrac liegt vor allem die Bedeutung des Projekts am Herzen. Sie ist sich sicher: „Der TGV Est-Européen wird über 37 Millionen Europäer verbinden und den Reiseverkehr revolutionieren.“ Die Investitionen für das Mega-Projekt belaufen sich inklusive Baukosten auf über fünf Milliarden Euro. Die SNCF steuert rund eine Milliarde bei.

Ab dem 10. Juni nimmt der TGV auf der Strecke den Fahrgastbetrieb auf. Drei Monate lang locken die Betreiber mit günstigen Angeboten: 29 Euro kostet die einfache Fahrt von Stuttgart nach Paris. Oder 19 Euro von Karlsruhe aus. Stuttgart und Frankfurt sind auf der regulär mit bis zu 320 Stundenkilometern befahrenen Strecke nun auf unter vier Stunden Fahrt an Paris herangerückt. Weitere Planungen sehen sogar eine direkte Verbindung nach München und später gar bis Wien und Budapest vor.

Die Europahauptstädte Brüssel und Straßburg trennen künftig nur noch drei Stunden Fahrzeit. Besondere Erwartungen an die neue Anbindung hegt Straßburg. Die logistische Neuerung soll Investoren anziehen. Neben dem futuristisch verglasten Bahnhof schafft die Stadt hierfür 10 000 Quadratmeter Büroflächen.

Doch das Großprojekt steht in der Kritik: Der Flughafen Straßburg befürchtet, mehr als eine halbe Million Passagiere zu verlieren. Eine ernste Bedrohung aus Sicht der Betreiber. Allerdings sind sowohl der Flugplatz, als auch das französische Schienennetz in alleiniger staatlicher Hand.

Auch litten viele Franzosen unter dem Ausbau. „Die wollten uns für dumm verkaufen“, so Daniel L’Huiller. Die Nutznießer seien allein Großgrundbesitzer. Ihm boten die Bauherren knapp 2000 Euro für 210 Quadratmeter Gartenfläche.

9 Mai, 2010 Kein Kommentar

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