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Bildung ist Liebe zur Menschheit

von Miriam Kumpf

„Kinder des 21. Jahrhunderts werden von Lehrern aus dem 20. Jahrhundert unterrichet in einem Bildungssystem das aus dem 19. Jahrhundert stammt – das ist unsere Ausgangslage!“, brachte es der Reformpädagoge Otto Herz kürzlich bei einer Bildungsveranstaltung im Stuttgarter Landtag auf den Punkt. Ein kleiner Mann mit grau-weißem Haar, adrett gekleidet, dem man die zwei Stunden Schlaf die er in der Nacht zuvor hatte, keinesfalls anmerkt. Er gestikuliert wild mit den Händen in alle Richtungen, redet frei, unterstreicht seine Aussagen und blickt sein Publikum offen an. Oft bekommt er Zwischenapplaus, für Aussagen wie „Integrieren kann ich nur, was ich vorher ausgegrenzt habe.“

Nach der Veranstaltung nahm er sich Zeit für ein Interview mit Noir-Redakteurin Miriam Kumpf.

Otto Herz, ist Bildung in Deutschland für junge Menschen attraktiv?

Nein, denn in Deutschland verbinden Jugendliche mit Bildungseinrichtungen mehr negative Erfahrungen als zum Beispiel Jugendliche in skandinavischen Ländern dies tun. Bei uns werden Bildungseinrichtungen als belastende Einrichtungen angesehen, anderswo als helfende.

Was muss denn geschehen, damit auch wir Bildungseinrichtungen als etwas Helfendes ansehen können?

Dafür brauchen wir eine andere Schulkultur in einer anderen Schulstruktur. Das sieht so aus: Ich würdige die Besonderheit jeder einzelnen Person und verhelfe ihr zum Erfolg in einer Schule für alle.

Was muss sich in der Lehrerausbildung ändern, wenn wir dieses Ziel erreichen wollen?

Als ich früher Lehrer eingestellt habe, habe ich den Bewerbern immer vier Fragen gestellt: Magst du Kinder und Jugendliche? Begeisterst du dich für eine Sache? Willst du selbst weiterlernen? Gibt es etwas wofür du dich interessierst und engagierst? Um zu begreifen, dass Bildung etwas Positives ist, müssen Lehrer Freunde sein. Lehrer müssen Modelle des eigenen Lernens sein und keine Besserwisser.

Ist die Verbeamtung von Lehrern überhaupt noch zeitgemäß?

Ich gehöre nicht zu den Leuten die sagen: Das Problem löst sich, wenn wir den Beamtenstatus kippen. Lehrer müssen vielmehr eine Ausstiegsmöglichkeit haben, wenn sie merken, dass sie es nicht mehr schaffen. Lehramtsanwärter sollten sich außerdem aus pädagogischer Begeisterung für diesen Beruf entscheiden und nicht aus Sekundärgründen. Ich empfehle allen Kollegen: Macht zwischendurch etwas anderes und entscheidet dann, ob ihr in den Lehrerberuf zurückkehren wollt. Entscheidend in der Schule ist, dass die Persönlichkeit und das Zusammenleben gestärkt werden und Schüler ihre Unzufriedenheit artikulieren können.

Was ist Ihre Meinung zur Schulzeitverkürzung auf zwölf Jahre — sinnvoll oder unsinnig?

Ich habe heftig gegen die Schulzeitverkürzung gekämpft. Diese Hysterie geht auf Helmut Kohl zurück, aber so ist das in der Poltik: Man erzeugt eine Stimmung und hat ein Angebot. Ein Jahr früher mit der Schule fertig — aber was heißt das? Das heißt: Ein Jahr früher sauer aufs Lernen zu sein. Das ist der verherrende Effekt!

In Ihrem Vortrag sagten Sie: „Bildung ist keine Phase in der man Vorräte ansammelt, die für den Rest des Lebens halten sollen“ Sie sprechen sich also für lebenslanges Lernen aus. Warum funktioniert das in Deutschland nicht so richtig?

Der entscheidende Punkt ist, dass wir begreifen müssen, dass Bildung etwas Positives ist. Außerdem ist es eine Katastrophe, wenn diejenigen, die gerne etwas tun, als Streber beschimpft werden. Für das lebenslange Lernen gilt: Je erfolgreicher die schulische und die hochschulische Ausbildung ist, desto eher nehmen die Menschen am Weiterbildungsprozess teil.

Während des Interviews redet Otto Herz langsam und mit vielen Pausen. Er wartet geduldigt, bis ich alles aufgeschrieben habe und überlegt zuerst kurz, bevor er eine Antwort gibt. Ich entdecke ein Festivalbändchen an seinem Armgelenkt. „Berlin 05“ steht in großen weißen Lettern darauf. „Berlin 05“ ist ein Festival für junge Politik, das im Sommer 2005 in der Berliner Wuhlheide stattfand.

Sie waren also dort und tragen immer noch das Bändchen an Ihrem Handgelenk?

Ja, das Bändchen wird unter der Dusche immer mitgewaschen und hat sich dadurch ganz gut gehalten!

Wie hat Ihnen das Festival gefallen?

Berlin 05 war wunderbar: tolle Stimmung und interessante Menschen!

Eine letzte Frage: Was ist Bildung?

Bildung ist der Schlüssel, der dir die Welt aufschließt. Bildung ist die Fähigkeit, für sich und andere Verantwortung zu übernehmen. Und Bildung ist Liebe zur Menschheit.

2 April, 2010 Kein Kommentar

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