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Me, Myself and I

von Celina Ponz

Wie viel Egoismus ist gesund? Wo fängt er überhaupt an und wo hört er auf?

Wenn ich zu spät zu einem Treffen komme, weil ich noch schnell den guten Artikel fertig lesen wollte, wenn ich nicht wahrnehme, dass es meiner besten Freundin schlecht geht, wenn ich ein Gespräch nur führe, um meine Meinung mitzuteilen – bin ich dann egoistisch? Wenn ich in Kauf nehme, jemandem weh zu tun, um mein Ziel zu erreichen, wenn ich stärker als andere sein will, wenn ich gewinnen will, wenn ich auffallen will, wenn ich nehmen, aber nicht geben will, bin ich dann egoistisch?

Egoist!

Wo hört Selbstlosigkeit auf und fängt Egoismus an? Was ist Egoismus überhaupt? Im Duden wird der Begriff auch als Ich-Bezogenheit, Ich-Sucht, oder Eigenliebe bezeichnet. Negativ besetzte Worte, die einen Vorwurf in den Raum stellen. Aber ist es wirklich schlimm, sich selbst zu lieben, sich zu achten und zu schätzen? Wenn man von uns erwartet, andere zu respektieren, dann sollten wir unsere eigenen Bedürfnisse auch respektieren dürfen. Denn im Duden steht: „Egoisten handeln uneingeschränkt zu ihrem eigenen Zweck und Vorteil.“

Selbstlos

Das Szenario muss in den Ohren derer, die sich engagieren, schrecklich klingen. Die Alltagshelden können sich wahrscheinlich nur schwer vorstellen, etwas wegen des eigenen Nutzens zu tun. Jemand der alten Leuten zuhört, die ihre Sorgen mitteilen wollen, jemand der Spenden sammelt, damit in Afrika ein Jugendzentrum errichtet werden kann oder jemand der an Obdachlose Frühstück verteilt, kann kein Egoist sein. Oder? Vielleicht steckt ein wenig Eigennutzen dahinter. Vielleicht braucht er einen Ego-Push, will sich nützlicher vorkommen und braucht eine Aufgabe und Anerkennung.

Die goldene Mitte

Eigentlich ist jeder ein bisschen egoistisch und das ist auch gut so. Denn bedeutet der Begriff „Selbstlosigkeit“ nicht auch „ohne sich zu sein“? Wir sollten niemals vergessen, auf unsere Bedürfnisse zu hören. Wir müssen uns nur daran erinnern, dabei offen für unseren Gegenüber zu bleiben, ihm wirklich zuzuhören und vielleicht, wenn es das nächste Mal ein bisschen später wird, den anderen als Entschuldigung auf einen Kaffee einladen. Und nicht vergessen: Liebe dich selbst.

8 März, 2010 Kein Kommentar

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