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Im Herzen ein Landwirt

von Marcus Latton

Sören Binder sitzt im Chefsessel der Jugendmedientage-Organisation.

60 Minuten Alltag im Orga-Büro. Gebäude drei, zweiter Stock, Raum 210, 15:15 Uhr. Das Orga-Büro in der Hochschule Mannheim. Sören Binder sitzt entspannt, hin und wieder schnaufend, auf seinem Bürostuhl und denkt nach. „Wie viele Eiswürfel brauchen wir? Und wie viele Servietten? Tausend?“, fragt er in die Runde und tippt unaufhörlich Zahlen in seinen Laptop, ohne eine genaue Antwort zu erhalten. Dabei habe er das Kopfrechnen in den letzten 24 Stunden schon völlig verlernt, lacht Sören. „Gestern wusste ich nicht, was 20 mal 300 ist“, gibt er zu. Der 19-jährige Schwabe ist im Geschäftsführenden Vorstand der Jugendpresse Baden-Württemberg und hat die diesjährigen Jugendmedientage organisiert. Nun ist er dabei die Party am Abend zu planen. Während er am Freitag noch zur selben Zeit bei der Eröffnung des Events mit Sponsoren und Gästen geredet hat und in der ganzen Hochschule hin und her gerannt ist, geht er seine Arbeit heute etwas entspannter an. „Anpacken muss man aber trotzdem“, meint er im Tonfall eines waschechten Pragmatikers. „Die Computer gehen nicht“, schallt es in den Raum hinein. „Dann mach sie wieder gehend“, ruft Sören zurück.

15:45 Uhr: Das Walkie-Talkie klingelt, er meldet sich mit den Worten: „Sören hört!“ „Zwei bezaubernde Mädchen wollen dich interviewen“, sagt die Stimme am anderen Ende der Leitung. Wenig später stehen die angekündigten Damen im Orga-Raum. Sören gibt sich gentlemanlike, schenkt Kaffee ein und öffnet eine Packung Toffifee. Was bei der Organisation eines solchen Events alles schief gehe, möchten die Nachwuchsjournalistinnen wissen. „Ich glaube da können wir ganz offen reden“, verkündet er und berichtet von falsch verstandenen Walkie- Talkie-Meldungen, die Verletzungen im unteren Körperbereich bei einem der Teilnehmer suggerieren – sich aber als Geschwür an den Füßen herausstellten.

Um etwas über Sören zu erfahren, muss man ihm nicht unbedingt Interviewfragen stellen – es reicht auch, den Konversationen im Orga-Büro zu lauschen. Die Kollegen plaudern, trotz Anwesenheit der Presse, über Sörens Macken: „Einmal saßen wir gemeinsam mit ihm im Büro und er konnte es fast nicht aushalten. Er wollte einfach raus in die Natur“, verrät ein Kollege und offenbart ganz nebenbei das geheime Doppelleben des Jugendpresslers: Sören ist neben seinem Job in der hektischen Medienbranche auch Zivildienstleistender in der Landwirtschaft. Der Blick fällt auf den Bildschirmschoner von Sörens Laptop: 3D-animierte Traktoren und landwirtschaftliche Maschinen fahren durch eine Idylle, die authentischer nicht sein könnte. „Im Herzen ist er eben ein echter Landwirt“, so ein Kollege.

16:15 Uhr: Sören ist nicht nur selbstbewusst, er ist auch selbstlos. „Ich habe fast meinen ganzen Jahresurlaub für die Jugendpresse verbraten“, sagt er ohne eine Spur von Wehmut. Doch darüber denkt er jetzt nicht mehr nach. Die Getränkepreise für die Abendparty stehen zur Diskussion.

1 März, 2010 Kein Kommentar

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