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Unterwegs mit allen Sinnen

von Alice Watmann

Der Sommer ist da. Die Sonne lädt dazu ein, nach und nach unsere Hüllen fallen zu lassen. Manche Menschen verzichten auf ein ganz besonderes Kleidungsstück: die Schuhe

Sila Mnatwa ist eine begeisterte Barfuß-Läuferin. Seit fünf Jahren erkundet die im Kreis Stuttgart wohnende Frau bereits regelmäßig mit nackten Fußsohlen die Umgebung. Etwas Herrlicheres als den Boden direkt zu spüren und durch den Tastsinn etwas über seine Beschaffenheit zu erfahren, gibt es ihrer Meinung nach kaum: „Wenn ich meine Schuhe ausziehe, fühle ich mich, als würde zu meinen bisherigen Sinnen ein weiterer hinzukommen.“ Ob Kies, Gras und Sand, all diese alltäglichen Dinge erlebe Sila plötzlich viel intensiver. „In diesen Momenten zählt nur das Hier und Jetzt. Alles andere erscheint nebensächlich.“

Doch die Meinung der blondhaarigen Frau scheint nicht jeder zu teilen. „Viele Leute schauen mich schräg an, wenn ich ohne Schuhe durch die Stadt laufe.“ Gespräche hätten ihr gezeigt, dass Barfußlaufen oft als eklig oder unhygienisch verpönt ist. Verstehen will Sila diese Vorurteile aber nur teilweise. Sie wasche ihre Füße schließlich nach jedem ihrer Spaziergänge.

Gerade jetzt im Sommer nimmt die Anzahl der „bare-feet-walker“ an Stränden und Liegewiesen sprunghaft zu. Doch das sollte nicht darüber hinwegtäuschen: Barfußlaufen ist vom Aussterben bedroht. Immer mehr Leute begeistern sich für die große modische Schuhauswahl. Dame und Herr zwängen sich in schicke, aber stickige Plastik- Schwitzschuhe.

Dass Barfußlaufen wahrscheinlich oftmals gesunder wäre, als auf diese Art Accessoires zurückzugreifen, scheint uninteressant. Vergleichbar mit einer Fußreflexmassage werden beim Barfußlaufen anregende Akupunkturpunkte berührt, die Körper und Seele in Schwung bringen. Doch wer will das schon wissen? Wer schön sein will, dessen Füße müssen leiden.

Spätestens, wenn es um mikroskopisch kleine Bakterien oder böse Pilze geht, wird allerdings deutlich, dass Schuhe auch ihre Vorteile haben: An den Fußsohlen siedeln sie sich an, am Liebsten bei Verletzungen. Die verletzten Stellen bieten Besiedlungsräume für eine Vielzahl von Krankheitserregern, von denen auch Sila nicht verschont blieb. Erst zu spät bemerkte sie, dass ihre ganzen Füße mit merkwürdigen Eindellungen und schwarzen Pünktchen übersäht waren.

Ironischerweise habe ihre Mutter bis zu diesem Zeitpunkt jahrelang mit derselben Hautkrankheit gekämpft. „Meine Mutter dachte immer, dass es sich dabei um die sogenannten Hühneraugen handelt“, erinnert sich Sila. Der Hautarzt hätte die „Hühneraugen“ jedoch schließlich als Stechwarzen enttarnt. Kein Wunder also, dass die Anwendung von Hühneraugenpflastern bis dahin erfolglos blieb.

Sila erzählt, dass bei ihr bisher weder Vereisen noch verschiedenste Ätzmittel zum gewünschten Erfolg geführt hätten. Zurzeit erhoffe sie sich von einer natürlichen und giftigen Pflanze namens Scharbockskraut die ersehnte Heilung.

Barfußlaufen wird als „Allheilmittel“ bezeichnet. Um nicht dessen Nebenwirkungen zu verfallen, sollten dabei immer Pflaster und Desinfektionsmittel griffbereit gehalten werden.

Laufen ohne Schuhe und Verletzungen vertragen sich offensichtlich nicht besonders.

10 Februar, 2010 Kein Kommentar

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