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Mehr Glück als Verstand?

von Georgia Hädicke

Ratgeber boomen und versprechen Hilfe in allen Lebenslagen. Georgia Hädicke ist unglücklich und schreibt bald eine Klausur. Hilfe muss her

„Glück ist genauso gut wie Verstand, wenn es funktioniert“, hat ein kluger Mensch mal gesagt. Wenn ich mich richtig erinnere, war es ein älterer Herr in einem Krimi aus dem Mittagsprogramm bei Kabel 1. Es sind noch drei Tage bis zu meiner letzten Klausur und ich denke an den älteren Herrn, weil mir mein Verstand bei dieser letzten Hürde nicht viel helfen wird. Glück muss her. In größeren Mengen, wenn möglich.

1. Tag

Wer das Glück sucht, findet es zwischen Sonja Kraus’ Schönheitstipps und der Kohlsuppendiät. Zumindest, wenn man im Buchhandel nachfragt. Ich entscheide mich für das Buch „Glück für Dummies“.

Meine erste Erkenntnis über das Glück ist, dass es peinlich ist danach zu suchen. Die Verkäuferin fragt, ob ich das Buch als Geschenk eingepackt haben möchte. Ich setze mich mit dem Buch in die Sonne. Das Mädchen neben mir zieht die Augenbrauen hoch, als sie meine Lektüre sieht, rutscht ein Stück von mir weg und grinst fies. Ich versuche sie zu ignorieren und beginne mit dem ersten Tipp.

„Suchen Sie sich einen ruhigen Ort und überlegen Sie sich, wie glücklich Sie sind und was Sie glücklich macht!“

Kein Problem. Ich sitze vor der Bibliothek. Was mich glücklich macht? Meine Freunde. Der erste Kaffee morgens in meiner Küche. Der Salzgeruch vom Meer. Das Mittagsprogramm bei Kabel 1 gucken. Wie glücklich ich gerade bin? Meine Freunde hocken irgendwo zwischen Bücherregalen in der Uni, das Kaffeepulver ist leer, das Meer ein paar Hundert Kilometer weit weg und ich habe keine Zeit, um Kabel 1 zu schauen. Ich schreibe bald Klausur, kann noch nichts und habe trotzdem keine Zeit für die Sachen, die mich glücklich machen. Es sieht mies aus mit dem Glück. Ganz mies.

2. Tag

„Ich verdiene es, glücklich zu sein.“ Das soll ich sagen. Jeden Morgen zehn Mal. Beim ersten Mal komme ich mir albern vor, beim zweiten Mal bescheuert, nach dem dritten Mal gebe ich auf. Ich bin offenbar kein Glückstyp. Dafür hat mein schlaues Buch auch einen Tipp: „Akzeptieren Sie, dass Sie kein Optimist sind, und kämpfen Sie nicht dagegen an.“ Gut, ich gebe es also zu: Ich bin kein Optimist. An guten Tagen bin ich Realist. Und denen rät mein Buch: „Stellen Sie Ihre Gedanken so um, dass Sie als letztes etwas Positives denken …“

Okay, das ist nun wirklich dämlich. Entschuldigung. Das ist nun wirklich dämlich, aber es ist einen Versuch wert. „… und umgeben Sie sich mit positiven Menschen.“

Als ich in der Uni ankomme, erwartet mich Anna: „Klausuren sind ätzend“, sagt sie. „Die Welt ist schlecht und ich habe keine Lust mehr.“ Ich erkläre ihr, dass sie so etwas nicht sagen sollte. Dass sie ihre Gedanken so umstellen muss, dass sie am Ende etwas Positives denkt und dass ich mich mit positiv eingestellten Menschen umgeben soll. Anna sieht mich an als sei ich verrückt und sagt: „Dann musst du dir wohl neue Freunde suchen.“

3. Tag

Ich gehe zur nächsten Lektion über: „Ärgern Sie sich nicht.“ Das ist gar nicht so einfach, wenn draußen der erste schöne Tag seit Wochen ist, während man selbst in einer muffigen Bibliothek sitzt, wo die Klimaanlage kaputt ist. Außerdem muss ich zugeben, dass ich mich darüber ärgere, dass ich dem Schlüssel zum Glück einen Tag vor meiner Klausur immer noch nicht näher bin. Aber mein Buch sagt, ich solle nach vorn schauen und mich darauf konzentrieren, das zu bekommen, was ich will. Im Kleingedruckten steht: „Sie haben keinen Anspruch, auf die Dinge, die Sie glücklich machen. Die müssen Sie sich erarbeiten.“ Verdammt, es gibt also doch einen Haken!

4. Tag

Die Klausur läuft. Ich habe natürlich nicht auf mein Ratgeber-Glück vertraut und auf alte Mittel zurückgegriffen: Maskottchen, Daumen drücken, schwarzen Katzen ausweichen. Als ich abgegeben habe und aus dem Saal gehe, als der Druck plötzlich weg ist, merke ich: Jetzt kann ich mit meinen Freunden Frühstücken gehen, ans Meer fahren, und wieder das Mittagsprogramm bei Kabel 1 gucken. Jetzt, wo ich gar kein Glück mehr brauche, ist es plötzlich da. Das hat nur leider nicht im Ratgeber gestanden.

10 Februar, 2010 Kein Kommentar

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