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Im Zentrum der Piusbruderschaft

von Andreas Spengler, Sophie Rebmann, Susan Djahangard, Mitarbeit: Jan Spreitzenbarth

Wochenlang waren sie in den Schlagzeilen, als Holocaustleugner, katholische Fundamentalisten, Hetzer und Scharfmacher gegen Andersgläubige: die Piusbrüder. Unsere Autoren Sophie Rebmann, Susan Djahangard und Andreas Spengler wagten den Besuch im deutschen Hauptsitz der Bruderschaft in Stuttgart

Pater Andreas Steiner sah seine Kirche schon in Flammen stehen. Panisch rief er beim SWR-Studio an: „Sie müssen klar machen, dass wir das zurücknehmen, dass es uns leidtut, dass wir das so nicht sagen wollten!“ Einer der führenden Piusbrüder hatte bei einem Interview den islamischen Propheten Mohammed beleidigt.

Steiner konnte sich die Reaktionen der islamischen Bevölkerung bereits ausmalen. Doch diesmal hatten die Piusbrüder Glück: Der SWR entschärfte das Zitat.

Mit diesem Tag war für den Medienbeauftragten der Piusbruderschaft ein Tiefpunkt erreicht: Furchtbar seien die letzten Wochen und Monate gewesen, wie ein Tsunami war die Medienmeute über die Bruderschaft hereingebrochen. Alle wollten sie Bilder, Interviews, Erklärungen.

Doch was war geschehen?

Im Januar dieses Jahres hatte Papst Benedikt den Ausschluss von vier Bischöfen der Piusbrüder aufgehoben, darunter Bischof Richard Williamson. Der hatte nie einen Hehl aus seinen Überzeugungen gemacht, wie 1989, als er Gläubigen zurief: „Die Juden erfanden den Holocaust, Protestanten bekommen ihre Befehle vom Teufel und der Vatikan hat seine Seele an den Liberalismus verkauft.“

Ein deutscher Papst holt einen Holocaustleugner zurück in den Schoß der Kirche. Damit war der Skandal perfekt und für Pater Steiner begann ein Medienrummel, wie ihn der 37-Jährige noch nicht erlebt hatte.

Priesterbruderschaft St. Pius X

Die Piusbruderschaft wurde 1970 von Marcel Lefebvre gegründet. Weltweit hat sie knapp 500 Priester und zählt nach eigenen Angaben rund 600.000 gläubige Anhänger. Sie wird nicht von der Katholischen Kirche anerkannt, da sie die Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils ablehnt.

An diesem wolkenlosen Frühjahrstag ist von dem Trubel in Stuttgart-Feuerbach nichts mehr zu spüren. An einer Straßenkreuzung steht das unauffällige Wohngebäude der Bruderschaft. In weichem Gelb ragt der barocke Turm der Kirche St. Maria Himmelfahrt in den blauen Himmel. Wohnhaus und Kirche schirmen einen kleinen Hinterhof gegen das hektische Verkehrstreiben ab.

Knapp 30 Leute sind zum Gottesdienst gekommen. Sie sitzen alleine verteilt in den Bänken. Die hohen Seitenfenster und das karg verzierte Kirchenschiff verstärken das Gefühl der Einsamkeit. Der Altar hingegen glänzt in grünem Marmorstein, umfasst von vier bronzefarbenen Säulen, die mehrere Engelstatuen tragen. Der Priester steht mit dem Rücken zur Gemeinde, die Messe hält er auf Lateinisch: „Dominus vobiscum!“ murmelt er in geistiger Entrücktheit. „Et cum spiritu tuo.“, antwortet die Gemeinde.

Neben uns dreht sich ein Mann um, der unsere Schreibblöcke gesehen hat und erklärt, er würde uns nachher gerne ein Interview geben. Er heißt Wolfgang, seine schwarze Jacke ist ausgewaschen und die grau-schwarzen Haare glänzen fettig, Wolfgang riecht stark nach Alkohol.

Durch die Bänke geht ein Klappern, die Gottesdienstbesucher holen ihre Rosenkränze hervor und lassen die Perlen durch die Finger gleiten. Manche knien, völlig in sich gekehrt, mit verschlossenen Augen auf dem Boden. Vom Altar her wabert betörender Weihrauchduft. In sturer Monotonie beginnt das Rosenkranzgebet, das aus 50 Wiederholungen von Gebeten besteht: „Jesus, der für uns Blut geschwitzt hat, Jesus, der für uns gegeißelt worden ist, Jesus, der für uns mit Dornen gekrönt worden ist.“ Irgendwann dreht sich Wolfgang um und verdreht die Augen: „Das finde ich etwas überzogen, wollen wir rausgehen?“

Vor der Kirche treffen wir Pater Andreas Steiner. Er schaut etwas unglücklich, als er sieht, dass wir Wolfgang interviewen wollen. Er kenne Wolfgang nicht, aber der sei sicherlich kaum repräsentativ.

Doch Steiners Bedenken sind unbegründet: Wolfgang erzählt aus seiner Jugend, wie Mitte der 60er Jahre die lateinische Messe abgeschafft wurde. Damals vollzog die Katholische Kirche mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil eine umfassende Reform, die zu einer Modernisierung und Liberalisierung der Kirche führte.

„Ich war obertraurig, dass es die gute alte Messe nicht mehr gab. Diese modernen ‚Hallelujah-Messen‘ wie in Amerika fand ich immer schon ein Graus!“

Als Wolfgang das erste Mal nach vielen Jahren bei einer Messe der Piusbrüder dabei war, flossen ihm Tränen der Rührung: „Es geht doch nicht nur um die lateinische Sprache, es geht darum, die Messe in der würdigen Form zu feiern. Ich habe hier meine katholische Heimat wiedergefunden.“

Als wir ihn nach seiner Familie fragen, senkt er den Kopf. „Frau und Kind“, er dreht die Handfläche nach außen, „Trennung. Sie ist gegangen, obwohl wir verheiratet waren.“ Er wendet sein ausgemergeltes Gesicht in die Sonne.

Über Bischof Williamson schimpft Wolfgang: „Das ist doch ein Idiot, der Priester von der Insel.“

„Die Juden erfanden den Holocaust“

Auch Pater Steiner distanziert sich ausdrücklich von den Aussagen des Holocaustleugners. Von der Berichterstattung der Medien sei er sehr enttäuscht, besonders gemein sei immer der SPIEGEL gewesen: „Denen ging es darum, uns in die rechte fundamentalistische Ecke zu stellen und als Fanatiker abzustempeln.“

Steiner stellt die Piusbrüder gerne als Medienopfer dar, als ewig Unverstandene, als die letzten Bewahrer des aufrichtigen Glaubens. Der junge Pater sitzt im Wohnzimmer der Bruderschaft und strahlt uns mit seinen einladenden Augen an, sein österreichischer Dialekt klingt freundlich und weich.

Steiner wurde 1972 in Kaprun geboren. Mit 14 Jahren ging er aus eigener Überzeugung in ein katholisches Internat bei Hamm in Nordrhein-Westfalen und studierte später im Priesterseminar der Bruderschaft in Regensburg.

Heute würde er alles wieder genauso machen, sagt er und legt die Hände auf seine schwarze Soutane. Ein kurzer Moment der Stille. Vor dem Fenster dröhnt der Verkehr vorbei. Ein grell-oranges OBI-Schild leuchtet von der anderen Straßenseite herüber. Im Wohnzimmer der Piusbrüder hängen ein einfaches Holzkreuz und schlichte Bilder mit Bibelszenen. Der Kontrast ist offensichtlich: hier die Piusbrüder, dort die moderne säkulare Welt.

Wenn die Leute heute überhaupt noch glauben, dann meist nur nach dem „Baukastenprinzip“, klagt Steiner. „Die picken sich das heraus, was ihnen gefällt!“ Die Priester aber seien der Bibel verpflichtet, den reinen Glauben zu verkünden.

Wer sich nicht an die Gebote der Heilige Schrift hält, begehe eine Sünde. Ehebruch, vorehelicher Geschlechtsverkehr und Homosexualität sind alles schwere Sünden.

„Wenn Homosexualität Veranlagung wäre, hieße das, Gott hätte manche Menschen als Sünder veranlagt. Dann kommt ein Mörder und sagt, das ist veranlagt, und zum Schluss kommt Adolf Hitler und sagt, ich bin eben als Judenvergaser veranlagt.“ Steiners blaue Augen blitzen.

Die katholische Kirche passe sich immer mehr der modernen Welt an. Inzwischen sei sie nur noch ein Marginal, das Lobeshymnen auf andere Religionen anstimme.

Im offiziellen Mitteilungsblatt der Piusbruderschaft steht, Schüler sollen sich auf die Weise mit den „Irrlehren“ von Luther, Kant und Sartre beschäftigen sollten, wie sich Medizinstudenten mit Krankheiten beschäftigen: mit dem Ziel, diese bekämpfen zu können.

Als wir Steiner mit dem Zitat konfrontieren, flüchtet er sich in Ausreden und Anschuldigen, will wissen, von wem der Text stammt, als kenne er die Texte seines eigenen Presseorgans nicht. Das sei typisch, dass nur einzelne Zitate herausgerissen werden. Das würden die anderen Medien genauso machen. „Die ARD bringt eine Sendung über uns, die nehmen finstere Musik und dann kommen die Zitate, das ist der Hammer, das ist wie ein Propagandafilm.“

Schließlich sagt er doch seine Meinung: „Was ist daran falsch?“

Seine Stimme klingt härter, aufbrausend fügt er hinzu: „Darf man in Deutschland noch die freie Meinung sagen oder nicht mehr? Die Zeit der Aufklärung war schließlich die erste Strömung, die gesagt hat, viele Religionen führen zum Heil.“

Die Aufklärung bekämpfen

Für Steiner aber gibt es nur schwarz oder weiß: „Das geht rein logisch gar nicht, dafür sind die Religionen einfach zu verschieden. Christus sagt in der Bibel ‚Niemand kommt zum Vater als durch mich!‘“

Die Aussagen Steiners bekommen bald eine politische Färbung: Steiner sieht sich als Globalisierungsgegner. „Die Globalisierung möchte einen Einheitsbrei. Ich finde, jedes Volk hat ein Recht auf seine Kultur.“ Auch die Deutschen sollten stolz sein dürfen, ohne gleich als rechtsradikal zu gelten. Die deutsche Geschichte lasse sich nicht nur auf die Nazizeit reduzieren.

Für einen Vortrag über die Gefahren der Globalisierung lud die Piusbruderschaft im Juni 2008 den Buchautor Richard Melisch nach Stuttgart ein. Daraufhin warnte die Polizei: „Wenn Melisch kommt, müssen wir hier mit einem großen Polizeiaufgebot die Veranstaltung sichern. Dann werfen die Linken bei Ihnen Fensterscheiben ein!“, erzählt Steiner.

Die Piusbrüder wollten kein Polizeiaufgebot und luden Melisch wieder aus. Einen Monat später war Melisch zum wiederholten Male Gastredner bei der NPD.

Auch in der Islamisierung sieht Steiner eine Gefahr. Natürlich dürfe man nicht alle Muslime über einen Kamm scheren. Steiner findet es gut, dass Deutschland so viele ausländische Mitbürger aufnehme. „Wichtig ist aber, dass diese Leute die Werte der Christen respektieren, dass sie sagen, ‚hier stand schon immer ein Dom, dann stellen wir kein Minarett dagegen‘. Das wäre ein Zeichen für friedliches Zusammenleben.“

Der Glauben der Piusbrüder zeigt sich als Konstrukt aus einem unerschütterlichen Gottvertrauen, naivem Unwissen, religiösem Übereifer und bewusster Provokation: Jeden Monat gibt die Piusbruderschaft eine Kinderzeitschrift mit dem Titel „Der Kreuzfahrer“ heraus. Steiner gefällt der Name: „Die Kreuzfahrer werden immer als Bösewichte dargestellt. Dabei ging es ihnen nicht um Rohstoffe oder Bekehrung, die wollten nur ihre Gebetsstätten wiederhaben!“ Steiner leugnet zwar nicht die gnadenlosen Massaker der Kreuzfahrer, stellt sie aber als Opfer der Unterdrückung durch die Muslime dar.

Auch wenn Bekehrung heute noch eine zentrale Rolle spiele, dürfe diese niemals mit Zwang oder Gewalt geschehen, bekräftigt er.

Fabian Häupl kennt das Problem des Bekehrens. Der 21-Jährige ist einer von sieben Jugendlichen, die jede Woche den Gottesdienst besuchen. Seine Familie ist protestantisch, doch im evangelischen Gottesdienst fehlte ihm etwas. Fabian glaubt, dass Andersgläubige und Atheisten in die Hölle kommen: „Es ist natürlich eine dämliche Erkenntnis, zu bemerken, dass dies auch der eigenen Familie widerfahren wird.“ Deshalb versuche er unterschwellig, seiner Familie den strengen katholischen Glauben schmackhaft zu machen. Bisher aber ohne Erfolg. Fabian beißt seine Zähne aufeinander; Man spürt, wie arg es ihm ist.

Inzwischen liegt der Hinterhof im Schatten der Abendsonne. Das Kirchenportal wird von einem gelben Licht bestrahlt. Fabian blickt hinauf und lächelt. Es scheint, als habe er hier seine Erfüllung gefunden. Er ist sich sicher: „Hier ist es, als atme man die Heiligkeit.“

von Sophie Rebmann, Susan Djahangard und Andreas Spengler

Mitarbeit: Jan Spreitzenbarth

10 Februar, 2010 Kein Kommentar

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