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»Fremde Kulturen sorgen für einen Tapetenwechsel«

von Ekaterina Eimer

Ein Interview über Reisetrends, Migration und das Problem von Balkonien-Urlaub. Ekaterina Eimer befragte PROFESSOR MATTER vom Institut für Volkskunde der Uni Freiburg

Reisen, unterwegs sein oder emigrieren ist heute so angesagt wie nie zuvor. Wo würden Sie den Beginn dieser Entwicklung ansetzen?

Wanderung und Migration sind überzeitlich. Das hat es schon immer gegeben. Zunächst ging es um Gold, Gewürze und wirtschaftliches Potenzial – Reisen und Erobern hat sich rentiert. Später kamen Ursachen wie Umsiedlung, Vertreibung, Armut und Klimakatastrophen hinzu. Bevölkerungsdruck und Entbehrungszustände führen immer dazu, dass Menschen auswandern in dem Glauben, anderswo ein besseres Leben vorzufinden.

Welche Bedeutung hatten die Entdeckungen von da Gama und Kolumbus?

Eine immense. Die Europäer sind durch Schätze der anderen reich geworden, was die Entwicklung Europas enorm vorangetrieben hat. Die Bauern haben davon allerdings bis ins 19. Jahrhundert nichts mitgekriegt.

Reichtum hat Tourismus gefördert. Können Sie die Entwicklung kurz beschreiben?

Im 18. Jahrhundert gehörte es sich für reiche Männer als Abschluss ihrer Ausbildung eine Bildungsreise zu absolvieren. Im späten 19. Jahrhundert entstanden dann die ersten Einrichtungen in England, ähnlich den heutigen Reisebüros, die Pauschalreisen an wohlhabende Bürgerliche vermittelten. Massentourismus ist als eine Folge des Wirtschaftswunders in den 50er Jahren zu sehen. Er ging einher mit günstigeren Reisemöglichkeiten und Urlaubsanspruch der Arbeiter, der sich im 20. Jahrhundert formierte.

Welche Bedeutung schreiben Sie dem Tourismus in unserer Kultur zu?

Urlaub bedeutet „raus aus dem Alltag“. Deswegen fällt es uns auch so schwer, Urlaub zu Hause zu machen, wo der Alltag immer präsent bleibt. Fliegt man hingegen in ein anderes Land, um dort mit Landsleuten im Hotel zu wohnen und gemeinsam Fremdes zu erkunden, so fühlt sich jeder Kilometer nach doppeltem Abstand an.

Ist es möglich, als Tourist die Kultur eines Landes authentisch zu erleben?

Eher nein. Tourismus ist ein Geschäft und wird auch so organisiert. Jeder hat zwar das Gefühl, ein besonderer Tourist zu sein, der anders ist als die anderen. Solange man allerdings im Vier-Sterne-Hotel wohnt, während der Durchschnitt einen Lebensstandard von null Sternen hat, bleibt man ein Rädchen der Tourismusindustrie und wird dementsprechend von den Einheimischen behandelt. Backpacker-Reisen sind mittlerweile ähnlich gut organisiert mit vorgegeben Routen und Unterkünften.

Wie erklären Sie die Diskrepanz zwischen dem Interesse am Fremden während eines Urlaubs und der Skepsis gegenüber Fremden im eigenen Land?

Fremde Kulturen im Urlaub sorgen für einen „Tapetenwechsel“, während Fremde im Alltag Ängste auslösen. Sie leben nach anderen Regeln und pflegen andere Sitten, welche die eigenen in Frage stellen könnten.

Deutschland ist ein Migrationsland. Wie würden Sie das Zusammenleben hier charakterisieren?

Zunächst muss man unterscheiden zwischen den Migranten, die bereits integriert sind und jenen, die noch integriert werden müssen. Sprachkurse sind wichtig. Allerdings ist Integration ein beidseitiger Prozess: Die Gesellschaft muss die Kultur verstehen, das Potenzial erkennen und sich neu formieren. Politiker und Schulen haben das lange Zeit versäumt, was zu den bekannten Problemen geführt hat.

Wie viele Migranten kommen heute nach Deutschland?

Wir verzeichnen eine Negativbilanz. Das Zuwanderungsgesetz erlaubt faktisch nur Familiennachzug und Asyl. Über die Arbeit zu immigrieren, ist aufgrund der hohen Anforderungen kaum möglich.

Welche Tendenzen zeichnen sich für die Zukunft ab?

Tourismus wird in Anbetracht der Umweltprobleme zwar teurer, aber wegen des steigenden Wohlstands in den Schwellenländern wohl weiter zunehmen. Migrationsentwicklungen sind abhängig von der Gerechtigkeit in der Welt. Menschen verlassen nicht einfach so ihre vertraute Heimat. Werden die kriegerischen Konflikte gelöst, Wohlstand und Lebensqualität angeglichen, dann wird auch die Migration zurückgehen.

10 Februar, 2010 Kein Kommentar

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