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Die Gemüseradlerin

von Fabian Vögtle

Zwischen Vorlesung und Seminar braust Lisa Keller mit ihrem Fahrrad und einem viermal so großen Fahrradanhänger mit 29 roten Kisten drauf durch Freiburgs Wohnviertel

„Nordseefisch würde ich nicht mit meinem Rad herumkarren, aber das Gemüse von nebenan bringe ich mit großer Freude zu den Kunden“, erläutert die 23-jährige Studentin ihren Job, den sie so sehr liebt. Seit knapp zwei Jahren fährt sie einmal die Woche für „Gemüse im Abo“ mit ihrem Rad und dem Anhänger herum. „Ich bin immer an der frischen Luft, treffe nette Leute, und die meisten Kunden freuen sich, wenn sie mich anradeln sehen“, erzählt sie mit strahlenden Augen, während sie zwei Dutzend volle Kisten auf ihren Anhänger lädt.

Das Gemüse kommt aus den Gärten des „Klosterhofes“, einer Biolandgärtnerei vor den Toren Freiburgs. Seit 13 Jahren beliefert „Gemüse im Abo“ Kunden aus der Region bis hoch in den Schwarzwald mit den Produkten des Klosterhofs und darf sich wohl als erster Fahrradgemüsekurier in einer deutschen Großstadt bezeichnen. Auch in anderen Städten, etwa in Hamburg, gibt es Gemüsekisten mit frischen Bio-Produkten, die in Haushalte geliefert werden. Doch die „Gemüseradler“ in der Fahrradstadt im Süden der Republik sind etwas Besonderes.

»frische Bioprodukte aus der Region«

Als Lisa die erste volle Kiste vor einer Haustür abstellt und dafür die leere von letzter Woche auf ihren Anhänger nimmt, meint sie: „Oft komme ich mir vor wie eine Mischung aus Osterhase und Weihnachtsmann.“ Das wird spätestens beim zweiten Kunden klar, der mit seinen beiden Kindern gerade nach Hause kommt, als Lisa Gemüse und Obst bringt. Während die Kinder voller Neugier in die Kiste schauen und sich wie bei der Bescherung über Erdbeeren und Kirschen freuen, schwärmt der Vater über das Abonnement: „Uns gefällt, dass es immer mal wieder variiert, saisonal bestimmt ist und man frische Bioprodukte aus der Region bekommt“, erklärt Tomio Gerloff die Vorteile des Gemüsebringdienstes. Und berichtet weiter vollen Lobes: „Die Marmelade ist der größte Hit – die bestellen wir immer in Mengen.“

Die Kunden können aus einem vielfältigen Sortiment des Gemüseabos wählen. Es gibt die Familienkiste, die Singlekiste oder etwa die Mutter-Kind-Kiste. Dazu bringt Lisa je nach Sonderwünschen der Abonnementen eine zur Jahreszeit passende Obsttüte, Marmelade, Eier, Brot oder auch Apfelsaft direkt vor die Haustür der Kunden.

Für viele Familien ist es einfach bequemer, sich mit frischen Nahrungsmitteln beliefern zu lassen, als immer auf den Markt zu gehen. So auch für die berufstätige Ulrike Schmidt und ihre Familie. Neben der hochwertigen Qualität sieht sie einen weiteren Vorteil des Bringdienstes: „Oft sind in der Kiste Gemüsesorten, die ich kaum kenne, wie etwa Mangold oder Schwarzwurzel. So kommt auch mal was ganz Anderes auf den Tisch.“

Plötzlich breitet sich in der schwülen Mittagshitze ein Kompost-Gestank aus. Lisa beliefert in einer Straße gerade drei Stammkunden, bei denen die braune Biotonne von der Müllabfuhr geleert wird. Wie gut, dass die Gemüsefrau, wie Lisa oft liebevoll von Kindern genannt wird, gerade frische Ware ins Haus liefert.

10 Februar, 2010 Kein Kommentar

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