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Reine Glückssache

von Ekaterina Eimer

Dopamin, Serotonin, psychologisches Immunsystem – ganz schön kompliziert das „Glück“ zu verstehen. Ekaterina Eimer gibt einen Einblick in die Glücksforschung

Heute schon Mails gecheckt oder gesimst? Maximale Mobilität, gigantischer Informationsfluss und ständige Erreichbarkeit sind Alltag.

Kehrseite dieser Entwicklung ist Überforderung: Viele scheitern an den hohen Anforderungen, werden depressiv und klagen über Krankheiten wie das Burn-Out-Syndrom. Anti-Stress-Bücher und pseudowissenschaftliche Glücksratgeber haben Hochkonjunktur und werden nicht müde, uns zu erzählen, wie wir unser Glück finden können.

Aber was ist Glück? Kann man das Glücklichsein lernen? Die Positive Psychologie – eine Wissenschaft, die die sich mit Liebe, Glück und Wohlbefinden beschäftigt – geht diesen Fragen nach. Der Glücks-Dozent der Harvard-Universität, Tal Ben-Shahar, sieht Glück nicht als einen Endzustand, sondern als ein Ziel, das man nie vollständig erreichen wird. In seiner Vorlesung lehrt er die Studenten daher, nicht auf ein entferntes, großes Glück zu hoffen, sondern sich Zeit zu nehmen und die kleinen Dinge des Lebens schätzen zu lernen.Doch was und wie viel davon brauchen wir, um glücklich zu sein? Der allgemeine Wohlstand hat sich in der westlichen Welt in den letzten Jahrzehnten zwar vervielfacht, laut empirischer Glücksforschung sind wir aber nicht glücklicher geworden sind. Forscher begründen das zum einen dadurch, dass ein gewisses Maß an subjektivem Glücksempfinden genetisch fixiert ist, wie sie in Studien an eineiigen Zwillingen ermitteln konnten. Somit gehört jeder Mensch von Geburt an einem bestimmten Glückstypen an, der sein Wohlbefinden tendenziell eher positiv oder negativ einstuft. Zum anderen neigen wir dazu, unser subjektives Wohl im Vergleich mit anderen zu messen. Da Glück im Alltag schwer zu vergleichen ist, muss Geld herhalten. Studien zeigen, dass Menschen in einer reichen Umgebung sich ärmer und unglücklicher fühlen als in einer armen Umgebung, auch wenn sie in beiden Fällen denselben Lohn erhalten. Ein weiterer Punkt ist, dass Glücksempfinden mit der Zeit nachlässt. Jeder kennt das: Man wünscht sich etwas mehr als alles andere. Hat man es aber, so verblasst die Freude über den Besitz nach einer Phase der Euphorie relativ schnell. Ähnliches gilt auch für den Lebensstandard. Schließlich benötigen wir etwas Neues, worauf wir uns freuen können.

Der Grund für die Anpassung liegt in der Evolutionsbiologie. Als Reaktion auf Erfolgserlebnisse schüttet unser Gehirn Hormone wie Dopamin und Serotonin aus. Sie lösen das Glücksgefühl aus und begünstigen positive Erinnerungen sowie die Motivation, die Handlung zu wiederholen. Die Belohnung muss allerdings vorübergehend sein: Hätten unsere Vorfahren nach jeder erfolgreichen Jagd vom Glück berauscht tagelang nichts getan, wären sie wohl der natürlichen Selektion zum Opfer gefallen. Die gute Nachricht: Kein Glücksmoment ist umsonst. Positive Gefühle werden so kultiviert, das Selbstwertgefühl und ein psychologisches Immunsystem aufgebaut. Letzteres hilft uns, Rückschläge schneller wegzustecken und Positives intensiver wahrzunehmen. Das stärkt die allgemeine Belastbarkeit sowie das klassische Immunsystem. Klinische Studien haben sogar ergeben, dass Optimisten tendenziell besser genesen als Pessimisten.

Ist es nicht paradox, dass ausgerechnet das, wofür im Arbeitsalltag wenig Zeit bleibt, uns motivierter und leistungsfähiger macht?

Schaffen wir es also, die Anforderungen der Zeit, mit dem zu kombinieren, was Spaß macht, hätten Glücksratgeber wohl ausgedient. Auch ist es beruhigend zu wissen, dass die Glücksursache Dopamin egal ist, wahrnehmen muss man diese nur als solche! Setzt euch also Ziele und habt Freude an der Umsetzung. Genießt jeden sorgenfreien Moment und habt Spaß mit euren Freunden, denn geteiltes Leid ist halbes Leid und geteilte Freude ist doppelte Freude.

9 Februar, 2010 Kein Kommentar

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